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Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller

978-3-446-23326-3 Nein, Schiller ist 1805 nicht im „Kassettengewölbe“ beigesetzt worden, sondern im Kassengewölbe, benannt nach der Sterbekasse, die diese Gruft unterhielt. Was für ein sonderbarer Fehler bei einem Autor, der erst vor vier Jahren eine umfangreiche Biografie Schillers vorgelegt hat, in der er allerdings den Namen des Gewölbes noch nicht erwähnt hat.

Und was soll man von so etwas halten?

Durch seinen Lehrer Jakob Friedrich Abel, der sich mit einer mitreißenden Rede über das »Genie« in der Karlsschule eingeführt hatte, lernte Schiller Shakespeare kennen. »Das Genie«, erklärte Abel in seiner Rede vom 14. Dezember 1776, auf den Tag genau drei Jahre vor Goethes Besuch in der Karlsschule, »das Genie spielt mit kühnen, großen Gedanken wie Herkules mit Löwen. Was hat nicht Shakespeare gelitten? Da schreien und quaken sie zu seinen Füßen, aber noch steht er unerschüttert, sein Haupt in den Wolken des Himmels«. Mit diesem »Löwen« hatte Abel den jungen Schiller in den folgenden Jahren im Unterricht bekannt gemacht. 

Nein, Abel hat Schiller nicht mit dem „Löwen“, sondern mit dem „Herkules“ des Zitats bekannt gemacht. Ist es tatsächlich zu mühsam, das Zitat wenigstens gründlich zu lesen? Und liest denn im Verlag keiner so ein Buch gegen? Geht das so, wie es aus dem Computer des Autors kommt, in den Druck?

Das Buch ist eine Enttäuschung: Auf weiten Strecken bietet es nichts als eine uninspirierte Wiedergabe der wichtigsten Themen und Ereignisse, die Goethe und Schiller in ihrem Briefwechsel berührt haben. In einigen Teilen geht Safranski über eine rein populäre Darstellung hinaus, aber nirgendwo bietet er dem Kenner tatsächlich etwas Neues. Die Mehrheit der Gedanken zu Schiller finden sich bereits in der Biografie von 2005; überhaupt hat das Buch verständlicherweise ein Übergewicht bei der Darstellung der Schillerschen Seite der Freundschaft.

Ich habe mir einmal mehr vorgenommen, keine Bücher von Safranski mehr zu kaufen, da sie von Mal zu Mal seichter geraten und nachlässiger gearbeitet zu sein scheinen. Dieses kann einmal mehr höchstens Lesern empfohlen werden, die eine erste Einführung ins Thema suchen; allen anderen ist die Lektüre einer kommentierten Ausgabe des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller ans Herz zu legen.

Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München: Hanser, 2009. Pappband, 344 Seiten. 21,50 €.

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