Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Geister im „Faust“

In der Frankenpost macht sich Leserbriefschreiber Dr. Wolfgang Tuchlinski aus Waldershof Sorgen um die nukleare Abrüstung und resümiert:

[…] denn: ,Die Geister, die ich rief, die werd’ ich nicht mehr los’ – wie Goethe im ,Faust’ schon schrieb.

Selbst, wenn man nicht weiß, wo Goethe das geschrieben haben soll, könnte die ungelenke Grammatik des Zitats den Verdacht in einem aufkommen lassen, dass hier etwas nicht stimmen kann. So holprig hat Goethe gemeinhin nicht gedichtet, und Knüttelverse sind das auch nicht.

Zum Glück hat Goethe natürlich geschrieben:

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

Und bekanntlich steht es in der Ballade „Der Zauberlehrling“. Aber sonst stimmt’s.

Wer kennt es nicht?

Beim MDR schreibt Andreas Keßler über Erlkönige der Autoindustrie und meint:

“Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Das ist der Vater mit seinem Kind…” Wer kennt es nicht, das klassische Gedicht von Goethe.

Nun, wenigstens Herr Keßler kennt es offenbar nicht (und er war auch zu faul nachzuschauen), denn sonst wüsste er, dass es heißt:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;

Die Seele, die liebt

Bild.de erklärt in einem Service-Special, was manisch-depressiv bedeutet:

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ heißt es in einem berühmten Goethe-Gedicht. Diese Worte werden oft verwendet, um einem Laien manische Depressionen zu erklären. Doch diese Beschreibung stimmt nur mit Einschränkungen.

Nun heißt es bei Goethe natürlich „zum Tode betrübt“, und es ist auch kein berühmtes Gedicht, in dem es so heißt, sondern ein kleines Liedchen, das Clärchen im „Egmont“ singt, aber wichtig ist auch eher, dass die Beschreibung „nur mit Einschränkungen“ stimmt. Was auch kein Wunder ist, wenn man sich den Text bei Goethe einmal genau anschaut:

Freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend
zum Tode betrübt,
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.

Bei Goethe fehlt nämlich das Komma zwischen “Himmelhoch jauchzend“ und “zum Tode betrübt”. Es ist also nicht gemeint, jemand fühle sich einmal so und ein andermal so, sondern die liebende Seele fühle beides zugleich. Was nun aus den unterschiedlichsten Gründen mit einer manischen Depression gar nichts zu tun hat.

Aber ein Goethe-Zitat als Auftakt – und mag es noch so falsch sein – macht sich bekanntlich immer gut.

Bei Kein & Aber ist ein kleines Büchlein von Bernd Fritz erschienen, in dem der Autor verschiedene Anmach-Methoden aus der Weltliteratur einer Begutachtung unterzieht. Natürlich verfällt er dabei auch auf Goethe:

Faust I (1808)

FAUST UND GRETCHEN

  • Flirtausgangslage: eine Unbekannte auf der Straße ansprechen
    (Schwierigkeitsgrad 6)
  • Methoden: Beschützermasche; direktes Kompliment

Dichterfürst Goethe hat für seinen Faust selbstverständlich den schwierigsten, den Königsweg der Anmache gewählt:»Straße. Faust. Margarete vorübergehend.« Und uns mit dem Startspruch eine gelinde Enttäuschung bereitet: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?« Auch der halsstarrigste Goethe-Verehrer wird einräumen müssen, dass dieser Einfall nicht das ist, was man gemeinhin »das Gelbe« nennt. Sondern uns eher lehrt, wie es nicht geht. Die Abfuhr folgt denn auch auf dem Fuße: »Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.« Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass Herrn Goethe neben der heutzutage nur bedingt tauglichen Beschützermasche zwei weitere methodische Grundfehler anzukreiden sind, ein grober und ein schlimmer.

Der grobe Fehler: Obwohl Goethes Zeitgenosse Musäus im Märchen von der Königin Libussa bereits den Tipp publik gemacht hatte, dass es »ein missliches Unterfangen« sei, einer Frau »ohne vorgängige Unterredung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine mündliche Erklärung abzufordern«, wird hier die Frau von der Seite angequatscht.

Der schlimme Fehler geht aus der Bühnenanweisung hervor: sie macht sich los und ab. Er hat sie also auch noch gleich angefasst! Ihh! Da passt es denn ins plumpe Bild, Mephisto um Hilfe zu bitten und den Fehlschlag mit Stress zu entschuldigen: »Hätt ich nur sieben Stunden Ruh, brauchte den Teufel nicht dazu, so ein Geschöpfchen zu verführen.« Alter Angeber!

  • Bewertung: plump, zudringlich
  • Prädikat: nicht empfehlenswert
  • Erfolgsprognose: null

Leider fällt die Analyse etwas kontextlos aus: Erstens ist zu bezweifeln, dass Faust bei seiner ersten Begegnung mit Gretchen überhaupt einen Flirt-Versuch unternimmt. Faust steht bekanntlich unter dem Einfluss einer starken Liebesdroge, die er gerade in der Hexenküche verpasst bekommen hat und deren Wirkung Mephisto so beschreibt:

Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

Fausts Ziel ist also nicht die Leichtigkeit eines Flirts, sondern ihm steht der Sinn – wie auch der weitere Text belegt – nach einer direkten Triebabfuhr. Insoweit kann zwar der Fritzschen Einschätzung der Methode weitgehend zugestimmt werden, aber diese Plumpheit ist eine konsequente Entwicklung der vorangegangen Handlung und sollte daher vom guten Leser gerade nicht als Enttäuschung empfunden werden.

Auch ist Fritz’ Erfolgsprognose deutlich zu pessimistisch, denn immerhin erreicht Faust letztendlich sein Ziel mit allen Folgen (schwangeres Liebchen, tote Schwiegermutter in spe, toter Schwager in spe, Kindsmord, Verurteilung und Hinrichtung des Liebchens). In diesem Sinne lässt sich nur einmal mehr feststellen, dass in Liebessachen die Methode weitgehend überschätzt wird und der Erfolg weniger von ihr abhängt als vielmehr von ganz anderen, mehr hormonellen Bedingungen:

Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüßt’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiß recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen -
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen.

Allerdings kann bei aller Kritik Fritzens Urteil über Faust – »Alter Angeber!« – nur  aufrichtig zugestimmt werden.

Solide literarische Bildung

Im Mannheimer Morgen schwelgt Kunsthallen-Direktorin Ulrike Lorenz in Erinnerungen an ihre einst angeblich „solide literarische Bildung“:

Ich besuchte die Goethe-Schule. Beim mündlichen Abitur musste ich mich zum deutschesten aller deutschen Sätze auslassen: “Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.” (Goethe, Faust I). Man hielt sich etwas zugute im Arbeiter- und Bauernstaat auf die Weimarer Klassik und den deutschen Idealismus. Ganz abgesehen davon, ich hatte eine wunderbare Deutschlehrerin, die sich um Staatsdoktrin wenig, aber umso mehr um eine solide literarische Bildung von uns Schülerinnen und Schüler kümmerte.

Wie mag jemand, der den „Faust“ wirklich einmal bis zu diesem Satz gekannt hat, auf den Einfall kommen, dies könne in der Tragödie erstem Teil stehen? Oder war die Abituraufgabe doch eine andere Stelle?

MEPHISTOPHELES. Sie ist gerichtet!
STIMME von oben.transpixelIst gerettet!

Das wäre dann allerdings nicht „der deutscheste aller deutschen Sätze“ und würde auch eher nicht zum Idealismus „im Arbeiter- und Bauernstaat“ passen.

FAUST. [...] Da muß sich manches Rätsel lösen.
MEPHISTO. Doch manches Rätsel knüpft sich auch.

Goethe lässt sagen

Bei der Märkischen Allgemeinen hat jemand einen schlechten Tag erwischt:

Namen sind Schall und Rauch“, lässt Goethe seinen Faust zu Gretchen sagen. Dass Namen aber auch Programm sein können, widerlegen unzählige andere Personen nicht nur in der Fiktion, sondern in der Realität. Oft sind es gleich mehrere, nämlich Vereine, die ihrem Namen alle Ehre machen.

Nein, das lässt Goethe nicht sagen, sondern bei ihm heißt es bekanntlich:

[...] Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

Und da ist doch ein feiner Bedeutungsunterschied zwischen „Name ist“ und „Namen sind“. Aber da dann auch der zweite Satz vollständig baden gegangen ist, wollen wir ein Auge zudrücken.

Wasser und Wein

»Billie!« sagte ich, »wenn das der alte Geheimrat Goethe sähe! Wasser in den Wein! Wo haben Sie denn diese abscheuliche Angewohnheit her! sagte er zu Grillparzer, als der das tat. Oder hat er es zu einem andern gesagt? Aber gesagt hat er es.«

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm

Ich fand die Speisen äußerst wohlschmeckend und den Wein mindestens ebenso gut. Vor jedem Gaste stand eine Flasche Rot- oder Weißwein. Ich wollte mir einen klaren Kopf für den Nachtisch erhalten, weshalb ich Wasser unter meinen Wein goß. Goethe bemerkte es und äußerte tadelnd:
»Wo haben Sie denn diese üble Sitte gelernt?!«

Goethe zu Wilhelm Zahn, 7. September 1827

Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung.

Als Antidot gegen die zurzeit grassierende Walser-Hysterie empfehle ich zwei schmale Bändchen:

krauss_levetzow Jochen Klauß hat eine kurze, aber gründliche Auswahl der Quellen zu Goethes Begegnungen mit Ulrike von Levetzow und den Folgen zusammengestellt. Die Lektüre rückt die Walserschen Aufgeregtheiten rasch in die richtige Perspektive.

Johann Wolfgang von Goethe / Ulrike von Levetzow: „… keine Liebschaft war es nicht“. Eine Textsammlung. Hg. v. Jochen Klauß. Zürich: Manesse Verlag, 1997. Pappband, Fadenheftung, 128 Seiten. 12,– €.

gersdorff_levetzow Dagmar von Gersdorff liefert eine kurze, sich nah an den Quellen bewegende Darstellung der Ereignisse ab dem Jahr 1821. Sie bietet zudem eine kurze Skizze des weiteren Lebens der Ulrike von Levetzow.

Dagmar von Gersdorff: Goethes späte Liebe. Die Geschichte der Ulrike von Levetzow. Insel-Bücherei Nr. 1265. 2. Aufl. Frankfurt/M.: Insel Verlag, 2006. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 120 Seiten. 12,80 €.

Goethe-Kenner Walser

Nur als eine Art von Vorgeschmack:

Ich habe gewusst, ich bin so drin, dass alles, was ich jetzt schreibe, ganz genau stimmt.

Martin Walser im Standard-Interview

Als sich herausstellte, dass er [Goethe] noch nie in Berlin gewesen war […]

Martin Walser: Ein liebender Mann

Ich dacht heut an des Prinzen Heinrichs Tafel dran dass ich Ihnen schreiben müsste, es ist ein wunderbarer Zustand eine seltsame Fügung dass wir hier sind. Durch die Stadt und mancherley Menschen Gewerb und Wesen hab ich mich durchgetrieben.

Goethe an Charlotte von Stein – Berlin, 17. Mai 1778

Sport-As Werther

Monsters and Critics weist auf eine kommende Inszenierung des Goetheschen „Werthers“ hin:

Ein Sport-As auf der Höhe seiner Laufbahn beschließt abzutreten. Endgültig. Die Pistole für den letzten Schuss liegt bereit.

So sieht Uwe Janson, Regisseur und Autor, einen den berühmtesten und umstrittensten Helden der klassischen deutschen Literatur, Goethes Werther, der aus Liebesgram und allgemeiner Weltenttäuschung zur Waffe greift. Und dies «in einer Zeit, da Selbstmord so viel wie Mord galt und Selbstmörder zuweilen am Schweif eines Pferdes durchs Dorf gezerrt wurden.»

Liegt ja nahe. Wollen wir hoffen, dass man auch den Mut findet, die aktuelle Doping-Problematik in die Interpretation mit einfließen zu lassen!

Wie oft lull ich mein empörendes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch ich Dir das zu sagen, der Du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung, und von süsser Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehn zu sehn. Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet. Sag das nicht weiter, es giebt Leute, die mir’s verübeln würden.

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