Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Lose Seiten, alt wie die Dampflok

In den Stuttgarter Nachrichten dokumentiert Cedric Rehman seine kulturelle Ahnungslosigkeit:

Anscheinend ist es inzwischen vergessen worden, dass bereits 1985 einmal ein Feuilletonist geschasst wurde, weil er Goethe und die Eisenbahn in einen Gedankenzug gepackt hatte. 1835 jedenfalls haben weder Schiller noch Goethe noch irgendwelche „Meisterwerke“ geschrieben.

Interessant ist auch, dass der junge Autor meint, wenn Bücher erst noch zum Buchbinder getragen wurden, müsse es sich dabei offenbar um lose Seiten gehandelt haben. Na ja, vielleicht nimmt ihn einer der älteren Kollegen der Redaktion mal beiseite und erklärt ihm, wie die kleinen Bücher vor den Zeiten Emil Lumbecks gemacht wurden.

Geister im „Faust“

In der Frankenpost macht sich Leserbriefschreiber Dr. Wolfgang Tuchlinski aus Waldershof Sorgen um die nukleare Abrüstung und resümiert:

[…] denn: ,Die Geister, die ich rief, die werd‘ ich nicht mehr los‘ – wie Goethe im ,Faust‘ schon schrieb.

Selbst, wenn man nicht weiß, wo Goethe das geschrieben haben soll, könnte die ungelenke Grammatik des Zitats den Verdacht in einem aufkommen lassen, dass hier etwas nicht stimmen kann. So holprig hat Goethe gemeinhin nicht gedichtet, und Knüttelverse sind das auch nicht.

Zum Glück hat Goethe natürlich geschrieben:

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

Und bekanntlich steht es in der Ballade „Der Zauberlehrling“. Aber sonst stimmt’s.

Wer kennt es nicht?

Beim MDR schreibt Andreas Keßler über Erlkönige der Autoindustrie und meint:

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Das ist der Vater mit seinem Kind…“ Wer kennt es nicht, das klassische Gedicht von Goethe.

Nun, wenigstens Herr Keßler kennt es offenbar nicht (und er war auch zu faul nachzuschauen), denn sonst wüsste er, dass es heißt:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;

Die Seele, die liebt

Bild.de erklärt in einem Service-Special, was manisch-depressiv bedeutet:

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ heißt es in einem berühmten Goethe-Gedicht. Diese Worte werden oft verwendet, um einem Laien manische Depressionen zu erklären. Doch diese Beschreibung stimmt nur mit Einschränkungen.

Nun heißt es bei Goethe natürlich „zum Tode betrübt“, und es ist auch kein berühmtes Gedicht, in dem es so heißt, sondern ein kleines Liedchen, das Clärchen im „Egmont“ singt, aber wichtig ist auch eher, dass die Beschreibung „nur mit Einschränkungen“ stimmt. Was auch kein Wunder ist, wenn man sich den Text bei Goethe einmal genau anschaut:

Freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend
zum Tode betrübt,
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.

Bei Goethe fehlt nämlich das Komma zwischen “Himmelhoch jauchzend“ und „zum Tode betrübt“. Es ist also nicht gemeint, jemand fühle sich einmal so und ein andermal so, sondern die liebende Seele fühle beides zugleich. Was nun aus den unterschiedlichsten Gründen mit einer manischen Depression gar nichts zu tun hat.

Aber ein Goethe-Zitat als Auftakt – und mag es noch so falsch sein – macht sich bekanntlich immer gut.

Zeitgenössische Tiefe

Dies aber lässt uns das Hamburger Abendblatt wissen:

Dazu spielt der profilierte Jazz-Pianist Jens Thomas, der Goethes Lyrik mit modernster Musik unterlegt und ihr so eine zeitgenössische Tiefe verleiht.

Man schlägt die Hände über dem Kopf zusammen!

Lauter Uhland-Gedichte von Goethe

Durch Zufall bin ich auf das Blog My Favorite German Poems gestoßen, das alle sieben Tage ein deutsches Gedicht entweder im Original oder in einer Übersetzung präsentiert, darunter auch zahlreiche Werke, die Goethe zugeschrieben werden.

Zu meiner Überraschung hat gemäß dieser Quelle Goethe auch „Die Kapelle“, „Schäfers Sonntagslied“, „Lob des Frühlings“, „Der gute Kamerad“ und noch einige andere Gedichte Uhlands geschrieben. Ja, sogar Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ stammt von ihm.

Goethe in Wien

Der Standard berichtet heute über die älteste Buchhandlung in Wien:

Die Buchhandlung Kuppitsch in der Schottengasse 4 ist die älteste Buchhandlung in Wien: 1789, im Jahr der Französischen Revolution, von einer Frau, Theresia Racca, gegründet, feiert sie in der kommenden Woche ihren 220.

Aus diesem Anlass wurde ein Interview geführt, in dem die alteingesessene Eigentümerin unter anderem folgende Lokallegende erzählt:

Es wird sogar behauptet, dass Goethe hier einmal eingekauft haben soll. Er soll in seinen Tagebüchern darüber geschrieben haben, aber wir waren leider nie imstande, die betreffende Belegstelle zu finden.

Nun sind Goethes Tagebücher natürlich eine umfangreiche Lektüre, da wundert es den Leser nicht, dass bislang die Belegstelle verborgen geblieben ist. Leichter fällt allerdings die Feststellung, dass Goethe Zeit seines Lebens nicht in Wien gewesen ist und die Belegstelle deshalb wahrscheinlich für immer unauffindbar bleiben wird.

Die Goethes und Schillers von heute

Der Rapper Curse – „der für den feingeistigen HipHop der Republik steht“ – hat anlässlich einer vom WDR produzierten sogenannten Doku-Soap ein Interview gegeben:

teleschau: Sind Rapper heute das, was Dichter früher waren?

Curse: Es gibt vielleicht Parallelen. Rap ist ein weiteres Medium, um über Sprache Dinge auszudrücken und mit Sprache was Cooles zu machen. Die Form hat sich verändert und auch der Anspruch. Es gibt sehr viel sehr guten internationalen und nationalen Rap mit sehr guten Texten. Ich würde sagen: Gute MCs sind die Goethes und Schillers von heute.

O herrliche Zeit, die gleich über zahlreiche Goethes und Schillers verfügt, die zudem noch im Fernsehen von einem Rapper ausgebildet werden!

Vor fast 300 Jahren

Spiegel Online fällt das Rechnen schwer:

300-jahre

Dr. Riemer und Doktor Faustus

Nur indirekt eine Goethe-Stelle, aber immerhin: Klaus Geitel widmet in seiner Kolumne in der Berliner Morgenpost eine Zeile Goethes Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Riemer:

[…] der 58bändige, noch zu seinen Lebzeiten erschienene Ausgabe „Goethe letzter Hand“, bereichert noch mit dem wahrhaft unentbehrlichen Registerband seines Sekretärs Dr. Riemer, über dessen Wichtigtuerei sich Thomas Mann im „Doktor Faustus“ so nachhaltig lustig macht.

Es ist natürlich „Lotte in Weimar“, in dem sich Thomas Mann über Riemers Wichtigtuerei lustig macht, und nicht sein „Doktor Faustus“, in dem Riemer gar nicht erwähnt wird.

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