Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Ein liebender Mann

walser_mannDas Buch ist vortrefflich inszeniert worden: Bereits Monate vor der Veröffentlichung trat Walser in Interviews mit großer Attitüde auf und verkündet, es wieder einmal allen zeigen zu wollen: Jene Ulrike von Levetzow, die die Germanisten zu zeichnen pflegen, sei keinen Schuss Pulvers wert, jedenfalls nicht der Liebe eines Goethe. Er im Gegensatz dazu habe Goethe eine Ulrike gemacht, die sich vor dem Angesicht und der Liebe eines solchen Mannes sehen lassen könne. Als habe sie darauf gewartet; als habe sie das nötig gehabt.

Dann die offizielle Vorstellung des Buches in Weimar, was allein einer unbesehenen Erhebung in den literarischen Adelsstand gleichkommt, und zudem noch der Coup, dass der Bundespräsident der Veranstaltung beiwohnt. Und prompt überschlägt sich das Feuilleton mit Vorschusslorbeeren – Tasso gekrönt und hofiert, bevor auch nur einer eine Zeile des großen Werks gelesen hat; von Tassos Bescheidenheit aber bei Walser keine Spur.

Geschrieben ist das Buch in jener hölzernen Prosa, die auch schon frühere Bücher Walsers ausgezeichnet hat. Auch dieses Buch ist eher monologisch, repetitiv und eintönig geraten. Es scheint Walser nicht mehr groß darauf anzukommen, worüber er schreibt, er ergießt seine Sprache über alles und ebnet mit ihr alle Differenzen ein: In allen Teilen des Buches herrscht derselbe überspannte und überhöhte Ton, selbst dort, wo Entspannung oder Intimität behauptet wird. Mancher mag das für Stil halten, es ist aber nicht mehr als eine steife Manier, die jegliche Beweglichkeit, jede Angemessenheit an den verhandelten Gegenstand oder die konkrete Situation vermissen lässt und stets nur sich selbst setzt und niemanden und nichts zu Wort kommen lässt. Wie weit Walsers Sprache – trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen – von der Goethes entfernt ist, kann man exemplarisch an dem durchgehend verwendeten, hässlichen Wort „kriegen“ (im Sinne von „bekommen“) ablesen, das in diesem Buch wohl ungefähr sooft verwendet wird wie im Gesamtwerk Goethes – um von der Variante „mitkriegen“ ganz zu schweigen.

Inhaltlich ist das Buch so spekulativ, wie es angesichts der Quellenlage sein muss. Man kann Walsers Einfälle schätzen, seine Erfindungen glücklich finden; ebenso gut kann man die konkrete Fabel als albern, lärmend und langatmig bezeichnen. Ob es nötig ist, die einzige ausführliche authentische Quelle – die Aufzeichnungen der alternden Ulrike von Levetzow – Lügen zu strafen, mag ebenfalls eine Geschmacksfrage sein. Bezeichnender ist, dass Walser zum zentralen Goetheschen Text, der Marienbader Elegie, die vollständig abgedruckt wird, nichts als Allgemeinplätze und Phrasen mitzuteilen hat. Die besten Urteile sind noch die, die er aus den zeitgenössischen Quellen abschreibt – der Rest ist Schweigen. Dass die Marienbader Elegie entstanden ist, wird wahrheitsgemäß berichtet, wie sie aber möglich gewesen ist, bleibt demjenigen, der nur Walsers Goethe kennt, gänzlich unverständlich. Trotz des gewaltigen Aufwands an vorgeblicher Einsicht in die Goetheschen Gedanken bleibt Goethe dem Leser wesentlich fremd. Es ist schlicht falsch, dass Goethe in den Wochen und Monaten nach der Trennung in Karlsbad nichts als Getriebensein, Verzweiflung, Neigung zum Suizid erlebt und empfunden habe und ihm jene bei ihm stets vorhandene zweite, distanzierte und objektive Ebene der Reflexion unzugänglich geblieben wäre. Dass sie Walser fehlt, dokumentiert der Roman; dass und wie sehr sie Goethe zugänglich war, dokumentieren die vorhandenen Quellen. Dies als „Entsagungstheater“ oder „kulturellen Firnis“ denunzieren zu müssen, ist ein mehr als deutliches Indiz dafür, wie fremd Walsers Lamentieren dem Goetheschen Wesen geblieben ist.

Dass der Roman auch mit den historischen Tatsachen flüchtig und oberflächlich umgeht, ist bereits an einem Beispiel aufgezeigt worden. Es ist nicht das einzige. Offensichtlich war es sowohl dem Autor als auch dem Lektorat zu lästig, das Buch einmal gründlich anzuschauen. Mag auch sein, dass Walser wenigstens mit einem Satz Recht behalten hat:

Ich hatte nur den Eindruck, Ihnen sei in Ihrem Leben zu wenig widersprochen worden.

Das würde einiges erklären.

Bestürzend aber ist einmal mehr, als wie weit entfernt von Goethe sich ein Großteil des deutschen Kulturbetriebs gerade in den Momenten beweist, wo er ihn angeblich feiert. Goethe verkommt den Deutschen bei jedem Durchgang mehr zur Phrase.

Martin Walser: Ein liebender Mann. Reinbek: Rowohlt, 2008. Pappband, Lesebändchen, 287 Seiten. 19,90 €.

Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung.

Als Antidot gegen die zurzeit grassierende Walser-Hysterie empfehle ich zwei schmale Bändchen:

krauss_levetzow Jochen Klauß hat eine kurze, aber gründliche Auswahl der Quellen zu Goethes Begegnungen mit Ulrike von Levetzow und den Folgen zusammengestellt. Die Lektüre rückt die Walserschen Aufgeregtheiten rasch in die richtige Perspektive.

Johann Wolfgang von Goethe / Ulrike von Levetzow: „… keine Liebschaft war es nicht“. Eine Textsammlung. Hg. v. Jochen Klauß. Zürich: Manesse Verlag, 1997. Pappband, Fadenheftung, 128 Seiten. 12,– €.

gersdorff_levetzow Dagmar von Gersdorff liefert eine kurze, sich nah an den Quellen bewegende Darstellung der Ereignisse ab dem Jahr 1821. Sie bietet zudem eine kurze Skizze des weiteren Lebens der Ulrike von Levetzow.

Dagmar von Gersdorff: Goethes späte Liebe. Die Geschichte der Ulrike von Levetzow. Insel-Bücherei Nr. 1265. 2. Aufl. Frankfurt/M.: Insel Verlag, 2006. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 120 Seiten. 12,80 €.

Goethe-Kenner Walser

Nur als eine Art von Vorgeschmack:

Ich habe gewusst, ich bin so drin, dass alles, was ich jetzt schreibe, ganz genau stimmt.

Martin Walser im Standard-Interview

Als sich herausstellte, dass er [Goethe] noch nie in Berlin gewesen war […]

Martin Walser: Ein liebender Mann

Ich dacht heut an des Prinzen Heinrichs Tafel dran dass ich Ihnen schreiben müsste, es ist ein wunderbarer Zustand eine seltsame Fügung dass wir hier sind. Durch die Stadt und mancherley Menschen Gewerb und Wesen hab ich mich durchgetrieben.

Goethe an Charlotte von Stein – Berlin, 17. Mai 1778

Weimar

hoefer-weimar Von Candida Höfer habe ich an anderer Stelle schon den Band Bibliotheken empfohlen. In diesem Band fanden sich auch einige Bilder aus der Anna- Amalien-Bibliothek, die im Nachhinein den Status historischer Dokumente bekamen, da sie Räume und Zustände dokumentierten, die durch den Brand vom 2. September 2004 für immer verloren gegangen sind. Aus diesem ersten Kontakt ergab sich die Idee einer umfassenderen Dokumenta- tion von Weimarer Räumen – und dies im weitesten Sinne.

Der hier angezeigt Band ist der Katalog zu einer bis zum 17. Februar 2008 im Weimarer Neuen Museum gezeigten Ausstellung mit Fotographien, die Höfer in Weimar und seiner weiteren Umgebung gemacht hat – immerhin bis Bad Lauchstädt reicht der Radius, in dem das kleine, noch aus der Goethe-Zeit stammende Theater abgelichtet wurde. Höfers Bilder sind von der gewohnt hohen fotographischen Qualität und zugleich zurückhaltenden Ästhetik und haben sowohl für Weimar-Kenner als auch für diejenigen, die die Räume noch nicht aus eigener Anschauung kennen, einen hohen Reiz, da die Räume ungewohnt menschenfrei gezeigt werden und so einen Eindruck vermitteln, der nur von Architektur und Ausstattung bestimmt ist.

Die Wiedergabe der Fotographien lässt nichts zu wünschen übrig. Die Bildtafeln werden durch Essays von Gerda Wendermann zu Candida Höfer und Wulf Kirsten zu den abgebildeten Räumen ergänzt. Der Band ist allen Weimar-Freunden nur auf das Wärmste zu empfehlen!

Candida Höfer: Weimar. München: Schirmer/Mosel, 2007. Pappband, fadengeheftet, Kunstdruckpapier (24,5 ×30 cm), 104 Seiten mit 39 Farbtafeln. 39,80 €.

naumann-kaufmannIm September 1811 gibt es Krach im Hause Goethe: Christiane von Goethe und Bettina von Arnim geraten offenbar in Streit und die Goethes brechen den Kontakt mit den von Arnims ab. Am 3. Oktober schreibt Charlotte Schiller darüber an die Erbprinzessin Karoline:

… die Flut des Klatschens ist ungeheuer. Die ganze Stadt ist in Aufruhr, und alles erdichtet oder hört Geschichten …

Dies ist eine gute Beschreibung eines umfangreichen Teils der Goethe-Literatur. Sie besteht ausschließlich aus der Fortsetzung des Klatsches mit anderen Mitteln; auch Ursula Naumanns Buch über Angelika Kauffmann und Goethe. Der geringste Teil des Buch beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen den beiden titelgebenden Personen; das wenige, was erzählt wird, wurde in zahlreichen anderen Biographien bzw. Romanen über Kauffmann schon einmal festgestellt oder zusammenspekuliert. Ansonsten wird seitenlang Goethes „Italienische Reise“ paraphrasiert oder aus ihr zitiert und – wie derzeit beliebt – überall dort, wo eine Interpretation ansetzen müsste, ein paar tiefsinnige Fragen gestellt. So gut wie nichts in diesem Buch ist in irgendeiner Weise erkenntnisvermittelnd. Weil’s so schön ist, ein Beispiel für Frau Naumanns Zugriffe:

War ihr Goethes Porträt mißraten, weil sie wieder einmal ihrer (fälschlich als Sehschwäche interpretierten) Neigung zur Schönmalerei nachgegeben hatte? Aber hätte sie das bei Goethe nötig gehabt? Wahrscheinlicher ist, daß er ihr Porträt so stark abwehrte, weil er sich bei aller äußeren Unähnlichkeit doch innerlich zu gut getroffen und entblößt fühlte. [S. 131]

Wer nun erwartet, es würde im Anschluss begründet, warum dies „wahrscheinlicher“ ist, sieht sich – wie überall sonst auch – getäuscht:

Weich, empfindsam, unentschieden, so wenig charaktervoll wie viele seiner gedichteten Figuren, Werther, Clavigo, Tasso, die alles andere als Tischbein-Goethes sind. Und zu jung für seine Jahre. Einer, der mit Ende dreißig seine Freundin Charlotte von Stein anschwärmte wie ein Minnesänger seine Dame; der eine Bildungsreise unternommen hatte, die andere mit zwanzig machten, und im Umgang mit seinen Künstlerfreunden in dieses Alter zurückfiel; der seine italienischen Tagebuchaufzeichnungen nach seiner Rückkehr nicht mehr lesen und weitergeben mochte, weil er sich für sie schämte. [S. 131 f.]

Auf die Spitze getrieben ist diese Sorte von sich überlegen fühlender Besserwisserei an Stellen wie dieser:

Höchst tadelnswürdig, nämlich nicht nur väterlich, waren dagegen Goethes Gefühle für Charlottes dreizehnjährigen Sohn Fritz, den er vor drei Jahren zu sich ins Haus genommen hatte. [S. 25]

Natürlich: Goethe als Päderast, der sich einen „Gespielen“ [S. 61] ins Haus holt, fehlte noch. Das ganze geht wohl auf eine missver- ständliche Stelle in Boyles Goethe-Biographie (Bd. I, S. 390 der deutschen Ausgabe) zurück und ist inzwischen weit genug herumgetratscht, um beim „Klatschpack“ (Goethe an Eichstädt, 29. Juli 1804) in Kurs zu stehen. Was für ein abgeschmacktes Verhältnis zu Goethe muss eine haben, um so etwas nachzuplappern?

Neben Goethes wird auch Herders Italienreise durchgehechelt, weil auch Herder Umgang mit Angelika hatte. Abschließend findet sich das Dutzend erhaltener Briefe Angelika Kauffmanns an Goethe – deren Gegenstücke verloren sind –, allerdings in geglätteter Fassung, da nach dem Geschmack von Frau Naumann „deren Orthographie im Original ziemlich abenteuerlich ist“ – wieder was, was sie besser weiß!

Alles in allem: Für die Voyeure wahrscheinlich enttäuschend, für alle anderen Zeitverschwendung.

Ursula Naumann: Geträumtes Glück. Angelica Kauffmann und Goethe. Frankfurt/M.: Insel, 2007. Pappband, 320 Seiten. 22,80 €.

Zweihundert Jahre Goethes »Faust«

200-jahre-faust Goethe hat an seinem »Faust« mit großen Unterbrechungen von 1773 bis 1832 gearbeitet; der zweite Teil ist schließlich in seinem Todesjahr aus dem Nachlass erschienen, so dass der Titel des Insel-Almanachs auf das Jahr 2008 „Zweihundert Jahre Goethes »Faust«“ auf den ersten Blick erst einmal verwundert. Als Stichjahr dient hier das Erscheinungsjahr des ersten Teils, der schon 1806 abgeschlossen wurde, aufgrund von Kriegsunruhen allerdings erst im Jahr 1808 erscheinen konnte. Da nun angesichts des beinahe 60-jährigen Zeitraums, in dem der Stoff Goethe beschäftigt und begleitet hat, sowieso jedes Datum willkürlich erscheint, kann das Jahr 1808 ebenso gut als Jubiläum gefeiert werden wie 1773, 1775, 1806 oder 1832.

Der Band liefert eine gelungene Mischung von Aufsätzen namhafter Goethe-Forscher aus den letzten zehn Jahren zum »Faust« und Originaltexten, die von der „Historia von D. Fausten“ (1589) über Marlowe, Klingemann, Heine und Vischer bis zu einem Gedicht Peter Huchels reichen. Die Aufsätze präsentieren eine breite Palette von Zugriffen auf den Text, die von Albrechts Schönes kenntnis- reicher Erörterung von Zusammenhängen zwischen Goethes naturwissenschaftlicher Beschäftigung und konkreten Textstellen im »Faust« bist zu Manfred Ostens Spekulationen über die Bedeutung der Beschleunigung im »Faust« und der modernen Welt reicht. Besonders herausgehoben werden sollte die kurze, aber dennoch ausgewogene und sorgfältige Darstellung des jahrzehntelangen Entstehungsprozesses des »Faust« durch Siegfried Unseld, die den Band beschließt.

Etwas verwundern kann vielleicht einzig, dass der Großteil der theoretischen Texte den Fokus auf den zweiten Teil der Tragödie legt und dadurch in eine gewisse Spannung zum Jubiläumsjahr gerät. Aber derlei sind Kleinigkeiten, und die starke Präsens des Spätwerks spiegelt ganz richtig die derzeitige (germanistische) Interessenlage wider, die auch in Peter Steins Komplett-Inszenierung des Textes im Jahr 2000, die wenigstens keine offensichtlichen Spuren in dem Band hinterlassen hat, aufscheint. Nicht, dass der Leser nach der Lektüre das Gefühl hätte, es sei in den letzten 175 Jahren ein wesentlicher Erkenntnisfortschritt, der über die Deutung von Details hinausginge, erzielt worden. Im Gegenteil bleiben die Zugriffe auf den zweiten Teil bis heute im Wesentlichen so erratisch und unein- heitlich wie das Werk selbst. Aber dies zu dokumentieren ist auch ein wichtiger Schritt der Rezeptionsgeschichte.

Insel-Almanach auf das Jahr 2008. Zweihundert Jahre Goethes »Faust«. Zusammengestellt v. Christian Lux u. Hans-Joachim Simm. Frankfurt/M.: Insel, 2007. Broschur, 264 Seiten. 8,90 €.

seemann-bibliothek Annette Seemann liefert in dem hübschen Bändchen aus der Insel-Bücherei eine kurze Geschichte der Weimarer Bibliothek von ihren Anfängen als Fürsten-Bibliothek bis zur aktuellen Lage nach dem Umbau und dem verheerenden Brand vom 2. September 2004. Bibliothekarisch ist das Büchlein rundum gelungen und trotz des eher trockenen Themas für den Interessierten vergnüglich und leicht zu lesen. Allerdings muss man dabei über zahlreiche Druckfehler hinwegsehen.

Insbesondere zwei Epochen behandelt die Autorin mit großer Ausführlichkeit und Empathie: Die Zeit der Oberaufsicht Goethes über die Bibliothek und die Solidarität und tätige Hilfsbereitschaft, die der Bibliothek nach dem Brand entgegengebracht wurde.

Über Goethe als Nutzer und Pfleger der Bibliothek lesen wir:

In seinen Weimarer Jahren vor der Übernahme der Oberaufsicht über die Bibliothek (1775–1797) sei er keineswegs pünktlich mit der Rückgabe der Bücher gewesen, zum Teil behielt er Werke bis zu 20 Jahre lang, und – was sich ein heutiger Bibliotheksbenutzer keinesfalls gestatten dürfte – er nahm mitunter auch einzelne Bände der großen Bibliothekskataloge mit nach Hause, ebenso wie 1814 den Gispabguß [sic!] eines Kunstwerks, der erst nach seinem Tode an die Bibliothek zurückerstattet wurde.

Allerdings ging Goethe dann beispielhaft voran, indem er 1797 alle entliehenen Bücher (soweit er sie nicht weiterverliehen hatte!) zurückgab und gemeinsam mit Voigt eine erste Benutzungsordnung der Bibliothek erstellte, die Seemann dankenswerter Weise voll- ständig wiedergibt.

Witzig auch Seemanns Formulierungen betreffend den Buchbestand Carl Ludwig Fernows, den die Weimarer Bibliothek aus dessen Nachlass erwirbt:

Fernow hatte während der napoleonischen Unruhen in Rom nicht gezögert, Bücher aus Palästen und Bibliotheken, die gewaltsam geöffnet worden waren, günstig zu erwerben, darunter wahre Kostbarkeiten wie etwa die Kommentare zu Petrarcas Canzoniere von 1553 und 1541 oder auch Pietro Bembos Rime in Aldo Manuzios Ausgabe. Er hatte sich wortwörtlich jedes Buch vom Munde abgespart, die Samm- lung war sein Arbeitswerkzeug, aber auch seine Leidenschaft.

Zu Deutsch: Fernow hatte in Rom günstig bibliophile Hehlerware angekauft, seine kargen finanziellen Mittel dabei aber so verausgabt, dass er Hunger leiden musste. Nach Fernows Tod übernimmt der Herzog dessen Büchersammlung und versorgt im Gegenzug die Fernowschen Nachkommen. Goethe schreibt in dieser Sache am
4. August 1809 an Voigt:

Was auf Fernows Büchernachlaß sich bezieht, folgt gleichfalls unterzeichnet. Wir machen zwar eine gute Acquisition [sic! Seemann zitiert nicht zeichengenau!], aber wir bevortheilen Niemand. Wären diese Bücher zur Auction gekommen, so hätten wir daraus erstanden, was uns fehlte; jetzt haben wir immer noch mit den Doubletten einige Bemühung, die aber doch nicht ohne Frucht seyn wird. Für die Kinder ist gesorgt. Durchlaucht dem Herzog geziemt so zu handeln und der Curator wird mit den Creditoren wohl auch fertig werden.

Auch hier hilft vielleicht eine kleine Verdeutlichung: Zwar habe man durch die komplette Übernahme der Bibliothek nun einige Dubletten, die man bei einer Auktion hätte vermeiden können, aber da man diese ‚fruchtbringend‘ weiterveräußern könne, hat man sicherlich ein gutes Geschäft gemacht. Und da die Kinder versorgt sind, muss sich auch keiner ein Gewissen machen, ob man die gewaltige Sammlung um die 5.700 Taler, über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg zu zahlen, nicht vielleicht doch etwas zu wohlfeil erworben habe. Bibliomanen unter sich!

Auch die Zeit der Krise im Jahr 2004 und die Ereignisse in der Zeit danach sind kenntnisreich und mit Liebe zum Detail dargestellt.

Beinahe sympathisch ist es da, dass Frau Seemann nicht immer und überall ganz auf der Höhe ist. So stellt sie etwa bezüglich der auf die preußische Niederlage bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 in Weimar erfolgten Plünderungen sachlich fest:

Und auch Schiller scheint unter den Plünderungen nicht sehr gelitten zu haben.

Eine Feststellung, die – auch angesichts der Tatsache, dass Schiller bereits am 9. Mai 1805 verstorben war – kaum Widerspruch finden wird.

Alles in allem ein kleines, vergnügliches Büchlein, das an einem Abend über alles Wichtige zur Geschichte der Weimarer Fürsten- Bibliothek informiert.

Annette Seemann: Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Insel-Bücherei 1293. Frankfurt/M.: Insel, 2007. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 127 Seiten. 12,80 €.

„Clemens Wenzeslaus Coudray“

bosse_coudray Biographie über eine weitere Person, nach der heute kein Hahn mehr krähen würde, wenn nicht Goethe sie gekannt hätte. Coudray wird 1775 in Ehrenbreitstein als Sohn eines Tapezierers geboren und bildet sich nach einer Ausbildung zum Tapezierer und Dekorateur in Berlin und Paris zum Architekten aus. Nach einigen Jahren in Fulda und einer Studienreise durch Italien wird er 1816 vom Weimarer Großherzog nach Weimar berufen, wo er die Stelle als Oberbaudirektor antritt und dort bis zum Ende seines Lebens wirkt. Coudray ist ein Spätling des Klassizismus und muss noch zu Lebzeiten erleben, dass er aus der Mode kommt und von jüngeren Kollegen ausgebootet wird. Er stirbt 1845 in Weimar, wo er auch beigesetzt ist.

Hannes Bosse hat eine kurze Biografie Coudrays geschrieben, die trotz aller Kürze nicht ohne Wiederholungen auskommt. Das Buch weist zahlreiche Fehler auf und macht insgesamt einen unordent- lichen Eindruck. Besonders in den späteren, systematisch gewichteten Kapiteln geht es oft wie Kraut und Rüben durch- einander. Fatal für eine Biographie sind Datenfehler, so wenn Bosse Coudray im November 1804 nach Italien gehen lässt (S. 33), seine Rückreise dann aber in den Juli 1804 fällt (S. 41). Auch die für 1882 behauptete Teilnahme an einem Gottesdienst (S. 96) ist angesichts der biographischen Rahmendaten eher unwahrscheinlich.

Auch sonst weist das Buch einige Merkwürdigkeiten auf: Die sehr harte Klebung des Buchblocks macht seine Handhabung alles andere als vergnüglich, und auch die Logos der Thüringischen Landeszeitung und der Sparkasse Mittelthüringen, die prominent vorne auf dem Umschlag prangen, fand ich verstörend.

Alles in allem ein weiteres Buch zum Goethe-Umfeld, das auch genauso gut hätte ungedruckt bleiben dürfen. Wen Weimarer Regionalia interessieren, dürfte halbwegs gut bedient werden.

Hannes Bosse: Clemens Wenzeslaus Coudray. Weimar: Weimarer Taschenbuch Verlag, 2007. Broschur, 142 Seiten. 9,90 €.

„Goethes letzte Reise“

damm_reiseSigrid Damms neues, nettes und weithin belangloses Lesebuch erzählt in dem weitgehend beliebigen Stil, der für Sigrid Damms Bücher inzwischen typisch geworden ist, Goethes letzte Lebensmonate. Den Rahmen bildet, abgesehen vom letzten Kapitel, das von Goethes Sterben berichtet, die letzte mehrtägige Abwesenheit Goethes von Weimar im August 1831. Um den Weimarer Feierlichkeiten zu seinem 82. Geburtstag zu entgehen, macht sich Goethe mit seinen beiden Enkeln Walther und Wolfgang auf die Reise ins nahegelegene Ilmenau, besucht die Jagdhütte auf dem Kickelhahn noch einmal, macht einige Ausflüge und kehrt am 31. August wieder nach Weimar zurück.

In diesen Rahmen passt Sigrid Damm zahlreiche Reflexion zu diversen anderen Themen und Zeiten in Goethes Leben ein: Seine Bemühungen um den Ilmenauer Bergbau, seine letzte Liebe zu Ulrike von Levetzow, das Gedicht Über allen Gipfeln ist Ruh, der Tod seines Sohnes August in Rom, Goethes Glaube an das Fortbestehen des Geistes nach dem Tode, Gestaltung und Inhalt des zweiten Teils des Faust und Vulkanismus contra Neptunismus dürften die wichtigsten sein. Alles wird locker aneinander gereiht und ist mit dem Hauptthema des Buches – als das sich schließlich Goethes Tod, seine „letzte Reise“, erweisen wird – mehr oder weniger eng und sinnfällig verknüpft.

Das meiste gerät dabei zur Nacherzählung der gerade für den Text benutzten Quellen, wobei sich die Redundanzen im Vergleich zu Christiane und Goethe in Grenzen halten, aber auch nicht vermieden werden. Anderes wird einfach daherzitiert und erweckt weniger den Eindruck einer Erzählung als den eines ausgekippten Zettelkastens, so etwa die Geschichte Friedrich Augusts von Fritschs (S. 246 f.).

Die lockere Struktur mag jenen entgegenkommen, die ein eher empathisches als reflektives Verhältnis zu Goethes Werk und Leben pflegen. Nicht umsonst fallen Fragen wie „Stellt nicht diese Dichtung die höhere Wahrheit dar?“ (S. 200), selbstverständlich ohne eine Antwort zu erfahren; die hinweisende Geste verbindet all jene, die gleichen Geistes sind. An anderen Stellen spricht Damm davon, wie „berührt“ oder „angerührt“ sie ist, ohne dass der Text auch nur einen einzigen Schritt über die Emotion hinausgelangt. An einer Stelle bleibt Damms Lektüre der Quelle gar so oberflächlich, dass eine echte Pointe resultiert. Sie zitiert einen Brief Goethes an Amalie von Levetzow, der Mutter Ulrikes:

Dabey, hoff ich, wird sie nicht abläugnen, daß es eine hübsche Sache sey, geliebt zu werden, wenn auch der Freund manchmal unbequem fallen möchte.

Und nun folgen im typischen Damm-Stil einige Fragen, die die Interpretation nicht leiten, sondern ersetzen:

Und der Schluß des Satzes, worauf deutet er? Wohl nicht auf den Troubadour, der vor den Augen der Angebeteten auf den Knien liegt, sondern auf den alten Mann, der ausrutscht und sich nicht wieder aufzurichten vermag? (S. 207)

Damm liest die Wendung „unbequem fallen“ tatsächlich im Sinne von „stürzen“, nicht als „lästig fallen“, wie sie offensichtlich gemeint ist.

An wieder anderer Stelle wird vergessen, was nur wenige Seiten zuvor berichtet worden ist, so wenn auf S. 285 ein Brief des Enkels Wolfgang zitiert wird, der die geplante Rückreise nach Weimar über Schwarzburg und Rudolstadt ankündigt, und Enttäuschung der Enkel darüber vermutet wird, dass man nun doch den gleichen Weg zurück nehmen wird, den man gekommen ist. Auf Seite 317 wird dann spekuliert, dass man diesmal in Stadtilm ein „dem hohen Gast angemessenes Mittagsmahl“ vorgesetzt haben könnte:

Bei der Herfahrt hat man die Bestellung aufgegeben. Da die Gasthofrechnung nicht überliefert ist und auch Krauses Tagebuch keine Auskunft gibt, können wir es nur vermuten.

Ja, vermuten kann man vieles. Warum man allerdings ein Mittagsmahl bestellen soll, wenn man weder den Rückreisetag kennt noch plant, überhaupt auf der Rückfahrt wieder vorbeizukommen, können wir nicht einmal vermuten – nur Sigrid Damm könnte.

Insgesamt nur ein weiteres oberflächliches, unordentlich erzähltes Buch von Sigrid Damm. Inzwischen macht es keinen Unterschied mehr. Für diejenigen, die sich als Goethe-Freunde empfinden und jene, die von Goethe wenig wissen und sich einen ersten, flüchtigen Eindruck verschaffen wollen, sicherlich kein schlechtes Lesebuch. Für den ernsthaft an Goethe und seiner Zeit Interessierten gänzlich unerheblich.

Sigrid Damm: Goethes letzte Reise. Frankfurt/M: Insel Verlag, 2007. Pappband, 364 Seiten. 19,80 €.

„Goethes Hochzeit“

fruehwald Wolfgang Frühwald hat in der Insel Bücherei ein kleines Bändchen vorgelegt, dass sich um den Lebenskomplex Goethes zur Zeit seiner Hochzeit im Oktober 1806 dreht. Unmittelbar vorausgegangen war die Niederlage des preußischen Heeres bei Auerstedt und das Eindringen der marodierenden französischen Soldaten in Weimar. Dabei soll es, nach Darstellung der Zeitgenossen, zu einer kritischen Situation im Hause Goethes gekommen sein, die angeblich durch das todesmutige Dazwischentreten Christianes entschärft worden sein soll. Die Lage im Hause Goethe entspannte sich rasch, als sich hohe französische Offiziere einquartierten und damit weiteren Übergriffen ein Riegel vorgeschoben wurde.

Nur wenige Tage später heirateten Goethe und Christiane Vulpius in der Jakobskirche. Goethe betont später, dass ihm durch die durchlebte Gefahr zu Bewusstsein gekommen sei, dass weder seine langjährige Geliebte noch sein damals noch minderjähriger Sohn versorgt sein würden, wenn ihm etwas zustieße. Dies scheint die Hauptmotivation gewesen zu sein, die Lebensgemeinschaft mit Christiane endlich zu legalisieren, wenn Goethe auch nicht hoffen konnte, dass dieser Schritt dazu führen würde, das Ansehen seiner Frau in den Augen der Weimarer Gesellschaft zu heben.

Frühwald stellt die Hochzeit völlig zu Recht in einen breiten Rahmen ein, der bei Goethes Verhältnis, besser Unverhältnis zum Tod anfängt, die historischen Lage Weimars im Oktober 1806 umfasst und sich schließlich auch Goethes Verständnis der Ehe zuwendet. Leider behandelt er hier nur das Gedicht „Das Tagebuch“ etwas ausführlicher; der in der Sache gewichtigere Roman „Die Wahl- verwandtschaften“ hätte wohl den Rahmen des Bändchens gesprengt und kommt deshalb nur am Rande vor.

Der Text ist aus einem Vortrag zum 200. Hochzeitstag Goethes hervorgegangen. Fachleute sollten nicht auf Neues hoffen; auch bildet die Hochzeit nur den Fokus für großräumige Überlegungen, die insgesamt wenig überraschend oder originell sind. Das Büchlein ist eine angenehme und leichte Lektüre, sicherlich als Geschenk hervorragend geeignet oder als nachmittägliche Lektüre für denjenigen, der wieder einmal entspannt ein paar Stunden mit Goethe verbringen möchte. Frühwald gehört sowohl in seiner Sprache als auch mit seinem Ansatz zur Interpretation noch ganz zur alten Schule:

Das ewig unergründliche und zur Sünde geneigte Menschen- herz ist dem Walten eines Göttlichen unterworfen. Auch die stärkste im Menschen waltende Kraft der Natur, die Sexua- lität, kann Gedächtnis gewinnen, kann dem Humanen, der Erinnerung dienstbar werden. Denn nur dort, wo Sexualität Erinnerung schenkt, ist sie Teil der Liebe.

Wer gegen solche Sätze nicht allergisch ist, kann an dem Bändchen durchaus sein Vergnügen haben.

Wolfgang Frühwald: Goethes Hochzeit. Insel-Bücherei Nr. 1294. Frankfurt/M.: Insel Verlag, 2007. Bedruckter Pappband, Faden- heftung. 80 Seiten. 11,80 €.

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