Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Albert Meier: Goethe

Meier_GoetheAuf knapp 320 Seiten einen Überblick über das Werk Johann Wolfgang von Goethes zu geben, ist alles andere als eine einfache Aufgabe. So sollte jeder Versuch mit einer gewissen Milde betrachtet werden und eher darauf hin betrachtet werden, was gelungen ist, als was fehlt. Meier liefert eine grob chronologisch geordnete, thematisch gebündelte Einführung in Goethes Schreiben und Denken. Er konzentriert sich auf die wichtigsten, meist rezipierten Werke, fügt aber auch ein Kapitel über Goethes naturwissenschaftliche Versuche ein, bevor er sich am Ende ein wenig in der Begeisterung für den zweiten Teil des »Faust« verliert. Es wird nur ein rudimentäres biographisches Gerüst geliefert; biographische Details erfährt man nur dort, wo sie zum Verständnis eines einzelnen Werks notwendig erscheinen.

Abgesehen von der Frage, ob man Meiers Deutungen und Gewichtungen zustimmt, macht das Buch einen soliden Eindruck und informiert seinen Leser über alle wichtigen Aspekte des Werks. Die historische Einordnung des Werks hätte ich mir detaillierter und kritischer gewünscht, es ist ihr aber prinzipiell nicht widersprechen. Eine durchaus anspruchsvolle Einführung, die aber nicht für sich allein stehen kann und weitere Lektüre notwendig macht.

Albert Meier: Goethe. Dichtung, Kunst, Natur. Stuttgart: Reclam, 2011. Pappband, 346 Seiten. 24,95 €.

Wieland in Oßmannstedt

978-3-937434-23-0Kleines Heft aus der Reihe »Menschen und Orte«, die ich bislang noch nicht kannte. Bekanntlich erwarb Christoph Martin Wieland 1797 ein Landgut in Oßmannstedt in der Nähe Weimars, um sich, ohne rechten Erfolg, als Landwirt zu versuchen. Das Haus ist, nachdem es zuletzt als Schule gedient hatte, von der Stiftung Weimarer Klassik zu Anfang des 21. Jahrhunderts endlich renoviert und die ehemals winzige Gedenkstätte (zwei Räume) erweitert worden, um den Begründer des Weimarischen Musenhofs an dieser Stelle angemessen präsentieren zu können. Der Ort ist natürlich allein deshalb wichtig, weil Wieland dort zusammen mit seiner Frau Dorothea und der »Seelentochter« Sophie Brentano in einem der schönst gelegenen deutschen Dichtergräber liegt.

Das nur 32 Seiten starke Heft enthält zahlreiche Abbildungen und Fotographien, und in der sie begleitenden, kenntnisreichen Biographie lassen sich auch vom Kenner noch nette Funde machen:

Mit Sorge betrachtete er [Wieland] die zunehmende Schwäche Dorotheas. Vierzehn Kinder hatte sie ihm geboren. „Es wären noch mehr geworden, wenn sich die Eheleute nicht zeitlebens gesiezt hätten“, hatte Goethes Freundin Charlotte von Stein gespottet.

Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt. Text: Bernd Erhard Fischer. Photographien: Angelika Fischer. Berlin: Ed. A·B·Fischer, 2008. 32 Seiten, geheftet. 7,80 €.

Goethes Katze

978-3-86671-061-0 Auf den ersten Blick ein Stück Goethe-Kitsch, wie er sich häufig findet, auf den zweiten in Teilen eine hübsche, wenn auch milde Satire auf das Weimar der Goethe-Zeit und seinen Dichter. Die Vorgeschichte, die der als Ich-Erzähler auftretenden Katze eine Herkunft vom französischen Kaiserhof zuschreibt, ist ein wenig lang und umständlich geraten. Auch sonst finden sich zwischendurch Episoden, die eher beliebig geraten sind, aber ausgeglichen werden sie durch nette Passagen, in denen sich in den Eigenarten und Eitelkeiten des Erzählers diejenigen des Weimarer Dichterfürsten widerspiegeln. Man hätte sich ein kleines Nachwort gewünscht, aus dem man mehr über den Autor Svend Leopold (1874–1940) erfahren hätte. Insgesamt: Nett zu lesen, gut als unverbindliches Geschenk geeignet.

Svend Leopold: Goethes Katze. Oder: Dichtung und Wahrheit. Aus dem Dänischen von Mathilde Mann. Berlin: Autorenhaus Verlag, 2010. edition tieger. Leinenrücken, 155 Seiten, 14,90 €.

Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller

978-3-446-23326-3 Nein, Schiller ist 1805 nicht im „Kassettengewölbe“ beigesetzt worden, sondern im Kassengewölbe, benannt nach der Sterbekasse, die diese Gruft unterhielt. Was für ein sonderbarer Fehler bei einem Autor, der erst vor vier Jahren eine umfangreiche Biografie Schillers vorgelegt hat, in der er allerdings den Namen des Gewölbes noch nicht erwähnt hat.

Und was soll man von so etwas halten?

Durch seinen Lehrer Jakob Friedrich Abel, der sich mit einer mitreißenden Rede über das »Genie« in der Karlsschule eingeführt hatte, lernte Schiller Shakespeare kennen. »Das Genie«, erklärte Abel in seiner Rede vom 14. Dezember 1776, auf den Tag genau drei Jahre vor Goethes Besuch in der Karlsschule, »das Genie spielt mit kühnen, großen Gedanken wie Herkules mit Löwen. Was hat nicht Shakespeare gelitten? Da schreien und quaken sie zu seinen Füßen, aber noch steht er unerschüttert, sein Haupt in den Wolken des Himmels«. Mit diesem »Löwen« hatte Abel den jungen Schiller in den folgenden Jahren im Unterricht bekannt gemacht. 

Nein, Abel hat Schiller nicht mit dem „Löwen“, sondern mit dem „Herkules“ des Zitats bekannt gemacht. Ist es tatsächlich zu mühsam, das Zitat wenigstens gründlich zu lesen? Und liest denn im Verlag keiner so ein Buch gegen? Geht das so, wie es aus dem Computer des Autors kommt, in den Druck?

Das Buch ist eine Enttäuschung: Auf weiten Strecken bietet es nichts als eine uninspirierte Wiedergabe der wichtigsten Themen und Ereignisse, die Goethe und Schiller in ihrem Briefwechsel berührt haben. In einigen Teilen geht Safranski über eine rein populäre Darstellung hinaus, aber nirgendwo bietet er dem Kenner tatsächlich etwas Neues. Die Mehrheit der Gedanken zu Schiller finden sich bereits in der Biografie von 2005; überhaupt hat das Buch verständlicherweise ein Übergewicht bei der Darstellung der Schillerschen Seite der Freundschaft.

Ich habe mir einmal mehr vorgenommen, keine Bücher von Safranski mehr zu kaufen, da sie von Mal zu Mal seichter geraten und nachlässiger gearbeitet zu sein scheinen. Dieses kann einmal mehr höchstens Lesern empfohlen werden, die eine erste Einführung ins Thema suchen; allen anderen ist die Lektüre einer kommentierten Ausgabe des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller ans Herz zu legen.

Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München: Hanser, 2009. Pappband, 344 Seiten. 21,50 €.

Goethes Hinrichtung

978-3-86789-058-8 Der Titel „Goethes Hinrichtung“ ist etwas reißerisch geraten, denn in keinem Sinne handelt Viktor Glass’ Roman von einer Hinrichtung, die Goethe zugehören würde. Erzählt wird im Gegenteil die  Geschichte der Anna Katharina Höhn, die 1783 wegen der Tötung ihres Neugeborenen in Weimar verurteilt und mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht wurde. Zuletzt hatte Sigrid Damm in ihrem Buch „Christiane und Goethe“ ein wenig Lamento um Goethes Verwicklung in diesen Fall gemacht, das in einer ebenso naiven wie pathetischen Einschätzung der Position Goethes gipfelte.

Davon wenigstens ist Viktor Glass weit entfernt. Er entwickelt die Geschichte der Schwangerschaft, Kindstötung, Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung Höhns parallel zur Biografie Goethes in diesen Monaten. Beide Ebenen sind alles in allem solide recherchiert, die Lücken angemessen aufgefüllt, wenn mir auch einige Details unverständlich geblieben sind, so etwa die Anwesenheit Lenzens in Weimar, der bekanntlich zu dieser Zeit längst in Moskau lebte. Aber solche Kleinigkeiten fallen sicherlich noch unter die Lizenz der dichterischen Freiheit. Ob etwa Glassens Version, der junge Herzog Carl August habe die Regierungsgeschäfte nur ungern übernommen, während Anna Amalia sie leichten Herzens hinter sich gelassen habe, auch noch unter diese Lizenz fällt, bliebe kritisch zu hinterfragen.

Problematischer ist aber sicherlich die Deutung der Rolle Goethes in der Sache Höhn, die Glass entwickelt: Bei ihm ist Goethe ein konsequenter Gegner der Todesstrafe und daher auch im Fall Höhn eigentlich für eine Begnadigung der Höhnin zu lebenslangem Zuchthaus. Diese Ehrenrettung geschieht sicher in der besten Absicht; auch behauptet Glass, Goethe habe diese Haltung ebenso in seinen Schriften vertreten, ohne allerdings auch nur ein konkretes Beispiel mehr anführen zu können als die Figur des Gretchens im „Faust“. Eine solche Idealisierung Goethes steht in einem offensichtlichen Gegensatz zu dem von Goethe im Fall Höhn abgegebenen Gutachten, das sich zwar zögerlich aber doch deutlich für die Beibehaltung der Todesstrafe im Falle von Kindstötungen ausspricht. Glass muss dieses Gutachten deshalb einerseits zu einer neutralen, unter großem zeitlichen Druck abgegebenen Stellungnahme verbiegen und andererseits seine Abfassung zu einem vorläufigen und hinhaltenden Urteil umdeuten, das Goethe in einer Sitzung des Geheimen Consiliums in Glassens Sinne mündlich zu widerrufen gedenkt. Leider findet nun gerade diese Sitzung nie statt, so dass Goethes Votum  in seiner in Glass’ Sinne „unglücklichen“ Formulierung stehen bleibt.

Solange sich der Leser darüber im Klaren ist, dass es sich in wesentlichen Teilen dieses Goethe-Bilds um freie Fantasien des Romanautors handelt, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben oder gegen die doch wenigstens mehr Indizien sprechen als für sie, kann die Lektüre dieses Goethe-Höhn-Romans durchaus gewinnbringend sein. Seine Illustration des Lebensalltags in einer Mühle des 18. Jahrhunderts ist ebenso überzeugend, wie die Beschreibung des Prozesses gegen Anna Katharina Höhn detailreich und informativ. Es ist allerdings eher zu befürchten, dass die meisten Leser das Ganze für die sprichwörtliche bare Münze nehmen.

Viktor Glass: Goethes Hinrichtung. Berlin: Rotbuch, 2009. Pappband, Lesebändchen, 223 Seiten. 19,90 €.

„Wen liebte Goethe wirklich?“

Das fragt sich heute sogar die Bild-Redaktion! Nachdem dem sogenannten Goethe-Forscher Ettore Ghibellino mit seiner schwachbrüstigen Spekulation über ein Liebesverhältnis zwischen Anna Amalia und Goethe in der Frühzeit des Weimarer Aufenthaltes endlich einmal von offizieller Seite widersprochen wurde, hat der Streit nun offenbar ein Niveau erreicht, das auch den mit den Weimarer Verhältnissen nur eher ahnungsvoll vertrauten Standard-Leser der Bild interessiert. Jeder, der sich nur ein wenig auskennt, weiß, dass Ghibellinos These kompletter Unsinn ist. Jeder, der sich ein wenig besser auskennt, weiß, dass der Stellungnahme der Stiftung Weimarer Klassik nur zugestimmt werden kann:

Ghibellinos Ansatz ist historisch so fragwürdig, das zugrunde liegende Kunst- und Literaturverständnis derart einseitig biographisch, der Umgang mit den Quellen so unreflektiert und manipulativ, die Kenntnisnahme und Einbeziehung der aktuellen Forschungsliteratur so selektiv, dass sich eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung eigentlich verbietet. In der Fachwelt hat Ghibellinos Veröffentlichung daher weder Interesse noch Unterstützung gefunden. Allerdings vermarktet der Autor mit seinem Buch geschickt das große Interesse an der Person Goethes, dabei auch voyeuristische Bedürfnisse des Publikums bedienend. Inzwischen sind bereits zwei Nachauflagen (2004 und 2007) und eine englische Übersetzung (2007) erschienen. Aus diesem Grund muss diese neue ‚Weimar-Legende‘ in aller Deutlichkeit als das benannt werden, was sie tatsächlich ist, nämlich eine Erfindung des Autors.

Ghibellino kündigt im Gegenzug weitere „Belege“ an:

Nun wartet Leithold mit neuen Funden auf, die mitten ins Herz der Ghibellino-Klassik-Stiftung-Kontroverse treffen. Es handelt sich um eine umfangreiche Korrespondenz zwischen Graf Eustach von Goertz (1737-1821) und seiner Frau Caroline, geb. Uechtritz (1749-1806). Neben höfischen Belangen und geheimdiplomatischen Missionen wird darin auch über die wahrscheinlich intime Beziehung zwischen Anna Amalia und Goethe berichtet.

Und wieder wird er damit Furore machen, dass er zeitgenössischen Klatsch & Tratsch, der in intriganter Absicht erfunden und verbreitet wurde – wir haben auch sonst schon zahlreiche Belege für diese Art der frühen Anti-Goethe-Propaganda des Adels –, ernst nimmt und als „Beweis“ anführt. Wollen wir für ihn hoffen, dass er es aus Dummheit, nicht aus Bosheit tut.

Goethes Enkel

gersdorff_enkel Dagmar von Gersdorff liefert in ihrer gewohnten Manier einen biographische Überblick zu den drei Kindern Ottilies und Augusts von Goethe: Walther, Wolfgang und Alma. Wie dünn die Quellenlage ist, mag man daraus ablesen, dass wir zu Ottilie von Goethe allein beinahe soviel erfahren wie zu ihren drei, bzw. vier Kindern, denn auch die nachgeborene, uneheliche und bald verstorbene Anna findet Erwähnung.

Wie immer bei Gersdorff sollte man keine tiefgreifenden Analysen erwarten, sondern sich auf schlichte Darstellungen der Faktenlage einstellen. Das bedeutet nicht, dass das Buch keine Überraschungen enthielte: So dürfte etwa die homoerotische, wahrscheinlich auch homosexuelle Beziehung zwischen Robert Schumann und Walther von Goethe in der Goethe-Literatur in dieser Deutlichkeit noch nicht thematisiert worden sein. Auch hier darf man nicht mit einem subtilen psychologischen Profil rechnen; Gersdorff bleibt im Wesentlichen bei der Feststellung stehen, Walther habe anlässlich der ungewollten Schwangerschaft seiner Mutter eine Misogynie erworben, die für sein Verhalten als hinreichende Erklärung herhalten muss. Ob die dargebotenen Quellen für die Vermutung hinreichen, auch Wolf habe homoerotische Neigungen gehabt, mag dahingestellt bleiben.

Insgesamt ergibt sich für Walther und Wolf – Alma stirbt zu früh, um sich ein ausreichendes Bild ihrer Persönlichkeit zu machen – das Bild zweier lebensunfähiger Spätlinge, die durch Krankheiten und Hypochondrie davon abgehalten werden, jemals mit ihrem Leben ernst zu machen. Selbst Wolf, der sich wenigstens zeitweise gegen seine Krankheiten durchzusetzen zu versuchen scheint, beendet seine Karriere als Diplomat nach wenigen Jahren wieder und kehrt zu Müßiggang, halbem Künstlertum und Selbstbetrachtungen zurück. Besonders im letzten Teil des Buches stellt man sich die bei Biographien zum Goethe-Umfeld typische Frage, ob der betriebene Aufwand in einem vernünftigen Verhältnis zu den verhandelten Persönlichkeiten steht. Für Goethe selbst und sein Werk ist der Gewinn verständlicherweise gering.

Dagmar von Gersdorff: Goethes Enkel. Walther, Wolfgang und Alma. Frankfurt/M.: Insel Verlag, 2008. Pappband, 287 Seiten.
19,80 €.

Ein liebender Mann

walser_mannDas Buch ist vortrefflich inszeniert worden: Bereits Monate vor der Veröffentlichung trat Walser in Interviews mit großer Attitüde auf und verkündet, es wieder einmal allen zeigen zu wollen: Jene Ulrike von Levetzow, die die Germanisten zu zeichnen pflegen, sei keinen Schuss Pulvers wert, jedenfalls nicht der Liebe eines Goethe. Er im Gegensatz dazu habe Goethe eine Ulrike gemacht, die sich vor dem Angesicht und der Liebe eines solchen Mannes sehen lassen könne. Als habe sie darauf gewartet; als habe sie das nötig gehabt.

Dann die offizielle Vorstellung des Buches in Weimar, was allein einer unbesehenen Erhebung in den literarischen Adelsstand gleichkommt, und zudem noch der Coup, dass der Bundespräsident der Veranstaltung beiwohnt. Und prompt überschlägt sich das Feuilleton mit Vorschusslorbeeren – Tasso gekrönt und hofiert, bevor auch nur einer eine Zeile des großen Werks gelesen hat; von Tassos Bescheidenheit aber bei Walser keine Spur.

Geschrieben ist das Buch in jener hölzernen Prosa, die auch schon frühere Bücher Walsers ausgezeichnet hat. Auch dieses Buch ist eher monologisch, repetitiv und eintönig geraten. Es scheint Walser nicht mehr groß darauf anzukommen, worüber er schreibt, er ergießt seine Sprache über alles und ebnet mit ihr alle Differenzen ein: In allen Teilen des Buches herrscht derselbe überspannte und überhöhte Ton, selbst dort, wo Entspannung oder Intimität behauptet wird. Mancher mag das für Stil halten, es ist aber nicht mehr als eine steife Manier, die jegliche Beweglichkeit, jede Angemessenheit an den verhandelten Gegenstand oder die konkrete Situation vermissen lässt und stets nur sich selbst setzt und niemanden und nichts zu Wort kommen lässt. Wie weit Walsers Sprache – trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen – von der Goethes entfernt ist, kann man exemplarisch an dem durchgehend verwendeten, hässlichen Wort „kriegen“ (im Sinne von „bekommen“) ablesen, das in diesem Buch wohl ungefähr sooft verwendet wird wie im Gesamtwerk Goethes – um von der Variante „mitkriegen“ ganz zu schweigen.

Inhaltlich ist das Buch so spekulativ, wie es angesichts der Quellenlage sein muss. Man kann Walsers Einfälle schätzen, seine Erfindungen glücklich finden; ebenso gut kann man die konkrete Fabel als albern, lärmend und langatmig bezeichnen. Ob es nötig ist, die einzige ausführliche authentische Quelle – die Aufzeichnungen der alternden Ulrike von Levetzow – Lügen zu strafen, mag ebenfalls eine Geschmacksfrage sein. Bezeichnender ist, dass Walser zum zentralen Goetheschen Text, der Marienbader Elegie, die vollständig abgedruckt wird, nichts als Allgemeinplätze und Phrasen mitzuteilen hat. Die besten Urteile sind noch die, die er aus den zeitgenössischen Quellen abschreibt – der Rest ist Schweigen. Dass die Marienbader Elegie entstanden ist, wird wahrheitsgemäß berichtet, wie sie aber möglich gewesen ist, bleibt demjenigen, der nur Walsers Goethe kennt, gänzlich unverständlich. Trotz des gewaltigen Aufwands an vorgeblicher Einsicht in die Goetheschen Gedanken bleibt Goethe dem Leser wesentlich fremd. Es ist schlicht falsch, dass Goethe in den Wochen und Monaten nach der Trennung in Karlsbad nichts als Getriebensein, Verzweiflung, Neigung zum Suizid erlebt und empfunden habe und ihm jene bei ihm stets vorhandene zweite, distanzierte und objektive Ebene der Reflexion unzugänglich geblieben wäre. Dass sie Walser fehlt, dokumentiert der Roman; dass und wie sehr sie Goethe zugänglich war, dokumentieren die vorhandenen Quellen. Dies als „Entsagungstheater“ oder „kulturellen Firnis“ denunzieren zu müssen, ist ein mehr als deutliches Indiz dafür, wie fremd Walsers Lamentieren dem Goetheschen Wesen geblieben ist.

Dass der Roman auch mit den historischen Tatsachen flüchtig und oberflächlich umgeht, ist bereits an einem Beispiel aufgezeigt worden. Es ist nicht das einzige. Offensichtlich war es sowohl dem Autor als auch dem Lektorat zu lästig, das Buch einmal gründlich anzuschauen. Mag auch sein, dass Walser wenigstens mit einem Satz Recht behalten hat:

Ich hatte nur den Eindruck, Ihnen sei in Ihrem Leben zu wenig widersprochen worden.

Das würde einiges erklären.

Bestürzend aber ist einmal mehr, als wie weit entfernt von Goethe sich ein Großteil des deutschen Kulturbetriebs gerade in den Momenten beweist, wo er ihn angeblich feiert. Goethe verkommt den Deutschen bei jedem Durchgang mehr zur Phrase.

Martin Walser: Ein liebender Mann. Reinbek: Rowohlt, 2008. Pappband, Lesebändchen, 287 Seiten. 19,90 €.

Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung.

Als Antidot gegen die zurzeit grassierende Walser-Hysterie empfehle ich zwei schmale Bändchen:

krauss_levetzow Jochen Klauß hat eine kurze, aber gründliche Auswahl der Quellen zu Goethes Begegnungen mit Ulrike von Levetzow und den Folgen zusammengestellt. Die Lektüre rückt die Walserschen Aufgeregtheiten rasch in die richtige Perspektive.

Johann Wolfgang von Goethe / Ulrike von Levetzow: „… keine Liebschaft war es nicht“. Eine Textsammlung. Hg. v. Jochen Klauß. Zürich: Manesse Verlag, 1997. Pappband, Fadenheftung, 128 Seiten. 12,– €.

gersdorff_levetzow Dagmar von Gersdorff liefert eine kurze, sich nah an den Quellen bewegende Darstellung der Ereignisse ab dem Jahr 1821. Sie bietet zudem eine kurze Skizze des weiteren Lebens der Ulrike von Levetzow.

Dagmar von Gersdorff: Goethes späte Liebe. Die Geschichte der Ulrike von Levetzow. Insel-Bücherei Nr. 1265. 2. Aufl. Frankfurt/M.: Insel Verlag, 2006. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 120 Seiten. 12,80 €.

Goethe-Kenner Walser

Nur als eine Art von Vorgeschmack:

Ich habe gewusst, ich bin so drin, dass alles, was ich jetzt schreibe, ganz genau stimmt.

Martin Walser im Standard-Interview

Als sich herausstellte, dass er [Goethe] noch nie in Berlin gewesen war […]

Martin Walser: Ein liebender Mann

Ich dacht heut an des Prinzen Heinrichs Tafel dran dass ich Ihnen schreiben müsste, es ist ein wunderbarer Zustand eine seltsame Fügung dass wir hier sind. Durch die Stadt und mancherley Menschen Gewerb und Wesen hab ich mich durchgetrieben.

Goethe an Charlotte von Stein – Berlin, 17. Mai 1778

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