Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

seemann-bibliothek Annette Seemann liefert in dem hübschen Bändchen aus der Insel-Bücherei eine kurze Geschichte der Weimarer Bibliothek von ihren Anfängen als Fürsten-Bibliothek bis zur aktuellen Lage nach dem Umbau und dem verheerenden Brand vom 2. September 2004. Bibliothekarisch ist das Büchlein rundum gelungen und trotz des eher trockenen Themas für den Interessierten vergnüglich und leicht zu lesen. Allerdings muss man dabei über zahlreiche Druckfehler hinwegsehen.

Insbesondere zwei Epochen behandelt die Autorin mit großer Ausführlichkeit und Empathie: Die Zeit der Oberaufsicht Goethes über die Bibliothek und die Solidarität und tätige Hilfsbereitschaft, die der Bibliothek nach dem Brand entgegengebracht wurde.

Über Goethe als Nutzer und Pfleger der Bibliothek lesen wir:

In seinen Weimarer Jahren vor der Übernahme der Oberaufsicht über die Bibliothek (1775–1797) sei er keineswegs pünktlich mit der Rückgabe der Bücher gewesen, zum Teil behielt er Werke bis zu 20 Jahre lang, und – was sich ein heutiger Bibliotheksbenutzer keinesfalls gestatten dürfte – er nahm mitunter auch einzelne Bände der großen Bibliothekskataloge mit nach Hause, ebenso wie 1814 den Gispabguß [sic!] eines Kunstwerks, der erst nach seinem Tode an die Bibliothek zurückerstattet wurde.

Allerdings ging Goethe dann beispielhaft voran, indem er 1797 alle entliehenen Bücher (soweit er sie nicht weiterverliehen hatte!) zurückgab und gemeinsam mit Voigt eine erste Benutzungsordnung der Bibliothek erstellte, die Seemann dankenswerter Weise voll- ständig wiedergibt.

Witzig auch Seemanns Formulierungen betreffend den Buchbestand Carl Ludwig Fernows, den die Weimarer Bibliothek aus dessen Nachlass erwirbt:

Fernow hatte während der napoleonischen Unruhen in Rom nicht gezögert, Bücher aus Palästen und Bibliotheken, die gewaltsam geöffnet worden waren, günstig zu erwerben, darunter wahre Kostbarkeiten wie etwa die Kommentare zu Petrarcas Canzoniere von 1553 und 1541 oder auch Pietro Bembos Rime in Aldo Manuzios Ausgabe. Er hatte sich wortwörtlich jedes Buch vom Munde abgespart, die Samm- lung war sein Arbeitswerkzeug, aber auch seine Leidenschaft.

Zu Deutsch: Fernow hatte in Rom günstig bibliophile Hehlerware angekauft, seine kargen finanziellen Mittel dabei aber so verausgabt, dass er Hunger leiden musste. Nach Fernows Tod übernimmt der Herzog dessen Büchersammlung und versorgt im Gegenzug die Fernowschen Nachkommen. Goethe schreibt in dieser Sache am
4. August 1809 an Voigt:

Was auf Fernows Büchernachlaß sich bezieht, folgt gleichfalls unterzeichnet. Wir machen zwar eine gute Acquisition [sic! Seemann zitiert nicht zeichengenau!], aber wir bevortheilen Niemand. Wären diese Bücher zur Auction gekommen, so hätten wir daraus erstanden, was uns fehlte; jetzt haben wir immer noch mit den Doubletten einige Bemühung, die aber doch nicht ohne Frucht seyn wird. Für die Kinder ist gesorgt. Durchlaucht dem Herzog geziemt so zu handeln und der Curator wird mit den Creditoren wohl auch fertig werden.

Auch hier hilft vielleicht eine kleine Verdeutlichung: Zwar habe man durch die komplette Übernahme der Bibliothek nun einige Dubletten, die man bei einer Auktion hätte vermeiden können, aber da man diese ‚fruchtbringend‘ weiterveräußern könne, hat man sicherlich ein gutes Geschäft gemacht. Und da die Kinder versorgt sind, muss sich auch keiner ein Gewissen machen, ob man die gewaltige Sammlung um die 5.700 Taler, über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg zu zahlen, nicht vielleicht doch etwas zu wohlfeil erworben habe. Bibliomanen unter sich!

Auch die Zeit der Krise im Jahr 2004 und die Ereignisse in der Zeit danach sind kenntnisreich und mit Liebe zum Detail dargestellt.

Beinahe sympathisch ist es da, dass Frau Seemann nicht immer und überall ganz auf der Höhe ist. So stellt sie etwa bezüglich der auf die preußische Niederlage bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 in Weimar erfolgten Plünderungen sachlich fest:

Und auch Schiller scheint unter den Plünderungen nicht sehr gelitten zu haben.

Eine Feststellung, die – auch angesichts der Tatsache, dass Schiller bereits am 9. Mai 1805 verstorben war – kaum Widerspruch finden wird.

Alles in allem ein kleines, vergnügliches Büchlein, das an einem Abend über alles Wichtige zur Geschichte der Weimarer Fürsten- Bibliothek informiert.

Annette Seemann: Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Insel-Bücherei 1293. Frankfurt/M.: Insel, 2007. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 127 Seiten. 12,80 €.

Die märkischeallgemeine.de führt Goethe als Rüben-Autorität an:

Danach wurde die Rübe auch in Frankreich geschätzt und später rühmte sogar Johann Wolfgang von Goethe den eigentümlichen Geschmack.

Richtig ist allerdings, dass Goethe am 28. September 1807 Carl Friedrich Zelter bittet:

Sodann würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie mir einen Scheffel echte Teltower Rüben schicken könnten, aber freilich bald, ehe die Kälte eintritt.

Dass Goethe die Teltower Rübchen sehr wohl geschätzt haben muss, geht aus einer späteren Anekdote hervor:

Meine [Friedrich Försters] Frau erging sich aufs neue in lebhafter Schilderung des fürstlichen Komponisten und Virtuosen und fügte dann hinzu: «Wir wollen es schon noch durchsetzen, daß Exzellenz nach Berlin kommen, ich habe mit Doris und Rosamunde [Zelters Töchtern] eine kleine Verschwörung gemacht.» – «Und wollen Sie mir davon nicht vorher einen kleinen Wink geben?» fragte Goethe. – «Nicht alles, aber etwas will ich davon verraten. Wir halten die in Aussicht gestellte Sendung der delikaten Teltower Rübchen zurück und liefern Sie nur aus, wenn Sie sie selbst abholen.» – «Da seht ihr guten Kinder nun», sagte Goethe, zu den andern Damen gewendet, «wie gefährlich die lieben Berlinerinnen uns sind. Wenn es ihnen mit ihrem Lockvogel auf dem Cello nicht gelingt, so halten Sie eine Lockspeise bereit, so daß wir am Ende doch wohl anbeißen.»

Stellt sich nur noch die Frage, ob dies genügt, Goethe als führenden Rüben-Experten des 19. Jahrhunderts zu etablieren?

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