Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Oberlehrerbegriffe

Sie wissen natürlich, wer unser höchster Klassiker ist, Goethe. Aber bemerken Sie, wie er sich bei der Kanonade von Valmy benahm, als er mit dem revolutionären Heer der Franzosen zusammentraf? Er stellte mit großer Klarheit fest: von hier datiert eine neue Epoche der Weltgeschichte, worauf er nachdenklich nach Weimar zurückging und weiterdichtete. Später schwärmte er Napoleon an, als den großen Mann, was völlig unseren Oberlehrerbegriffen entspricht.

Alfred Döblin: November1918.
Heimkehr der Fronttruppen

Bei Kein & Aber ist ein kleines Büchlein von Bernd Fritz erschienen, in dem der Autor verschiedene Anmach-Methoden aus der Weltliteratur einer Begutachtung unterzieht. Natürlich verfällt er dabei auch auf Goethe:

Faust I (1808)

FAUST UND GRETCHEN

  • Flirtausgangslage: eine Unbekannte auf der Straße ansprechen
    (Schwierigkeitsgrad 6)
  • Methoden: Beschützermasche; direktes Kompliment

Dichterfürst Goethe hat für seinen Faust selbstverständlich den schwierigsten, den Königsweg der Anmache gewählt:»Straße. Faust. Margarete vorübergehend.« Und uns mit dem Startspruch eine gelinde Enttäuschung bereitet: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?« Auch der halsstarrigste Goethe-Verehrer wird einräumen müssen, dass dieser Einfall nicht das ist, was man gemeinhin »das Gelbe« nennt. Sondern uns eher lehrt, wie es nicht geht. Die Abfuhr folgt denn auch auf dem Fuße: »Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.« Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass Herrn Goethe neben der heutzutage nur bedingt tauglichen Beschützermasche zwei weitere methodische Grundfehler anzukreiden sind, ein grober und ein schlimmer.

Der grobe Fehler: Obwohl Goethes Zeitgenosse Musäus im Märchen von der Königin Libussa bereits den Tipp publik gemacht hatte, dass es »ein missliches Unterfangen« sei, einer Frau »ohne vorgängige Unterredung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine mündliche Erklärung abzufordern«, wird hier die Frau von der Seite angequatscht.

Der schlimme Fehler geht aus der Bühnenanweisung hervor: sie macht sich los und ab. Er hat sie also auch noch gleich angefasst! Ihh! Da passt es denn ins plumpe Bild, Mephisto um Hilfe zu bitten und den Fehlschlag mit Stress zu entschuldigen: »Hätt ich nur sieben Stunden Ruh, brauchte den Teufel nicht dazu, so ein Geschöpfchen zu verführen.« Alter Angeber!

  • Bewertung: plump, zudringlich
  • Prädikat: nicht empfehlenswert
  • Erfolgsprognose: null

Leider fällt die Analyse etwas kontextlos aus: Erstens ist zu bezweifeln, dass Faust bei seiner ersten Begegnung mit Gretchen überhaupt einen Flirt-Versuch unternimmt. Faust steht bekanntlich unter dem Einfluss einer starken Liebesdroge, die er gerade in der Hexenküche verpasst bekommen hat und deren Wirkung Mephisto so beschreibt:

Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

Fausts Ziel ist also nicht die Leichtigkeit eines Flirts, sondern ihm steht der Sinn – wie auch der weitere Text belegt – nach einer direkten Triebabfuhr. Insoweit kann zwar der Fritzschen Einschätzung der Methode weitgehend zugestimmt werden, aber diese Plumpheit ist eine konsequente Entwicklung der vorangegangen Handlung und sollte daher vom guten Leser gerade nicht als Enttäuschung empfunden werden.

Auch ist Fritz’ Erfolgsprognose deutlich zu pessimistisch, denn immerhin erreicht Faust letztendlich sein Ziel mit allen Folgen (schwangeres Liebchen, tote Schwiegermutter in spe, toter Schwager in spe, Kindsmord, Verurteilung und Hinrichtung des Liebchens). In diesem Sinne lässt sich nur einmal mehr feststellen, dass in Liebessachen die Methode weitgehend überschätzt wird und der Erfolg weniger von ihr abhängt als vielmehr von ganz anderen, mehr hormonellen Bedingungen:

Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüßt’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiß recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen -
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen.

Allerdings kann bei aller Kritik Fritzens Urteil über Faust – »Alter Angeber!« – nur  aufrichtig zugestimmt werden.

Kein Drama

Bei der Rheinischen Post blamiert sich heute Gabi Adrian:

Goethe (1749 bis 1832) wurde zu seiner Zeit berühmt u.a. mit Werken wie “Götz von Berlichingen” (1771) und “Die Leiden des jungen Werther” (1774). Beide Dramen, dessen Protagonisten unangepasst sind und am Rande der Gesellschaft stehen, werden der literarischen Epoche des Sturm und Drangs zugeordnet.

Das hat man nun davon, dass die Erzählungen Goethes nicht mehr gelesen, sondern nurmehr „angeschaut“ werden. Und das Datum beim „Götz“ ist auch noch falsch, und – wenn wir gerade dabei sind – es muss „deren“ statt „dessen“ heißen.

Welt online (bis Bild 9 durchklicken!) gibt Nachhilfe:

Johann Wolfgang von Goethe gehört ebenfalls zu den wichtigsten Vertretern der Weimarer Klassik. Er wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und starb am 22. März 1832 in Weimar. Von ihm stammen die Gedichte “Prometheus” und “Der Erlkönig” sowie das Drama “Faust” und der Roman “Die Leiden des jungen Werthers”.

Immerhin „Werthers“, das muss man anerkennen! Wie schrieb Arno Schmidt einst so richtig:

Die ‹Goethe=Straße› unserer Stadt ? – : »Jaja; haben tun wir schon eine …« (aber die durfte ich ihm gar nicht zeigen : ein kurzes krummes Ding; jwd.; und auf den Schildern stand ‹Deutscher Dichter, 1749–1832›; in Forzheim blühen die Künste !

In dem zur Klippschule gehörenden Schönheitswettbewerb „Wer ist für Sie der beste Dramatiker?“ führt bei derzeit 2182 abgegebenen Stimmen Shakespeare mit 41 % vor Goethe und Schiller mit jeweils 12 %. Verfolger Bert Brecht hält mit 11 % Kontakt zum Spitzentrio und hat noch Chancen, in die Medaillenränge zu kommen!

Goethe merkt was

Die Zeitschrift Zitty Berlin hat mit dem schwedischen Regisseur Roy Andersson anlässlich seines jüngsten Films „Du levande“ ein Interview unter dem Titel „Werbung für Goethe“ geführt. Goethe kommt im Interview nur vor, weil Andersson seinem Film ein Goethe-Zitat als Motto vorangestellt hat. Wie intim Andersson mit dem Leben und Werk Goethes vertraut ist, zeigt sein einziger Satz über Goethe:

Als Goethe nach Italien kam, war er wohl so um die 40, und plötzlich hat er gemerkt: Wow, was hatte ich bisher für ein intellektuelles Leben, warum habe ich eigentlich die sinnlichen Dinge nicht mehr genossen?

Wow! So muss es gewesen sein, ganz unbedingt!

Wasser und Wein

»Billie!« sagte ich, »wenn das der alte Geheimrat Goethe sähe! Wasser in den Wein! Wo haben Sie denn diese abscheuliche Angewohnheit her! sagte er zu Grillparzer, als der das tat. Oder hat er es zu einem andern gesagt? Aber gesagt hat er es.«

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm

Ich fand die Speisen äußerst wohlschmeckend und den Wein mindestens ebenso gut. Vor jedem Gaste stand eine Flasche Rot- oder Weißwein. Ich wollte mir einen klaren Kopf für den Nachtisch erhalten, weshalb ich Wasser unter meinen Wein goß. Goethe bemerkte es und äußerte tadelnd:
»Wo haben Sie denn diese üble Sitte gelernt?!«

Goethe zu Wilhelm Zahn, 7. September 1827

Goethe in Chemnitz

Kanal 8 meldet:

Ein lang andauernder Streit zwischen Historikern und Goetheforschern ist beendet.

Ein neu aufgetauchtes Beweisstück belegt nun, dass Johann Wolfgang von Goethe am 28. September 1810 Gast der Stadt Chemnitz war. Dies geht aus einem Tagebucheintrag von Friedrich Wilhelm Riemer, ein Freund Goethes, hervor.

Gemeinsam sollen sie die alte Bernhardtsche Spinnerei in Klaffenbach besucht haben.

Nun mag es zwar sein, dass ein entsprechender Tagebucheintrag Riemers (den als »Freund Goethes« zu bezeichnen ich auch für gewagt halte) neu aufgetaucht ist. Ich bin kein Riemer-Fachmann, und Werner Liersch betont in „Goethes Doppelgänger“ (Berlin: Volk & Welt, 1999. S. 218), es gäbe kein Riemersches Tagebuch von der Reise 1810. Warum allerdings Zweifel an einem Chemnitz-Besuch Goethes bestanden haben sollen, es gar einen Streit darüber zwischen Historikern (wer mögen die sein?) und Goetheforschern gegeben habe, ist eher unverständlich. Wer wollte, konnte immer schon in Goethes Tagebuch zum 28. September 1810 nachlesen:

Früh von Freyberg über Öderan nach Chemnitz. Daselbst zu Mittag. Nach Tische mit Hofrath Thiersch die Spinnmaschinen besehen. Abends nahm Dr. Seebeck Abschied. Vorher Unterredung mit demselben über verschiedene Ereignisse in der Litteratur, besonders über das Einschleichen der Unredlichkeit gegen die Sache. [SA III, 4, 156.]

Und in der Biedermannschen Ausgabe von Goethes Gesprächen findet sich unter der Nummer 3289 eben jener vorgeblich neu aufgetauchte Tagebucheintrag, den der Filmbericht bei Kanal 8 kurz zeigt:

Fortgefahren, über Ederan nach Chemnitz. Mit Hofrat Thiersch in die Baumwollenspinnerei zu 2500 und zu 27000 [2700?] Spindeln. Köstlicher Mechanismus, besonders von vorn herein, wie die Wolle zum Faden vorbereitet wird. Abends mit Goethe und Dr. Seebeck, Unterhaltung über Literatur und das Verderben, das durch Heyne und Friedrich Schlegel unter die jungen Leute gebracht worden. Abschied von Seebeck.

Naja, Hauptsache es ist eine Meldung, nicht wahr?

Hendrik Werner macht sich auf welt.de Gedanken über die Geschichte der Jackpot-Hysterie:

fgb-lotto.jpg

Werner kennt zahlreiche Details zum Thema:

Um 43 Millionen Taler ging es damals nicht. Immerhin aber um Gut Schockwitz, einen Landsitz in Schlesien, den die Hamburger Stadtlotterie 1797 als Hauptgewinn ausgelobt hatte. Zu den Spielern, die sich Hoffnungen machten, gehörte auch Johann Wolfgang Goethe.

In Briefen an Friedrich Schiller und Herzog Carl August schilderte er Tage vor der Ziehung schwelgerisch die Schönheit des schlesischen Landlebens, von dem er annahm, es stünde ihm unmittelbar bevor. Doch obwohl er gleich mehrere Losnummern erworben hatte, die er sich mit anderen Spielern teilte, ging er am Ende leer aus. Seine Enttäuschung verarbeitete er noch im selben Jahr in der Ballade „Der Schatzgräber“:

Traun, ein Goethe-Kenner!

Nur stimmt das leider alles nicht: Weder erwähnt Goethe in Briefen vor dem 12. Juni 1797, dem „ersten Ziehungstage der Hamburger Lotterie, welche wegen des berühmten Gutes Schockwitz diesmal so viele Menschen mehr interessirt“ (Goethe an Carl August, 12. Juni 1797), das schlesische Landleben, noch hat er in der bereits im Mai 1797 geschriebenen Ballade „Der Schatzgräber“ seine Enttäuschung über den Ausgang der Lotterie verarbeitet, noch gibt es – soweit ich sehe – überhaupt einen Beleg dafür, dass Goethe an der Lotterie teilgenommen hat, die er ausschließlich in dem oben zitierten Brief einmal erwähnt.

Mag sein, es soll ein Satire sein (die Überschrift will ich als Hinweis darauf gelten lassen); aber als Satire erkennt es natürlich nur, wer weiß, dass es erlogen ist. Vielleicht ist es auch ein Spiel nach dem Motto „Wer bemerkt’s?“, aber selbst dann ist es nicht besonders gelungen.

In Frankfurth hab ich wegen der Lotterie eine recht gute Addresse, nur muß ich um eine Art von kleinem pro memoria bitten, das ich dahin schicken kann. Von diesen, überhaupt unseligen, Dingen, die den gemeinen Geist des Menschen noch gemeiner, den verworrenen noch verworrener machen, hab ich keinen Begriff, ich würde sie abkaufen, denn dabey zu gewinnen ist nichts. (Goethe an Voigt, 31. Mai 1796)

naumann-kaufmannIm September 1811 gibt es Krach im Hause Goethe: Christiane von Goethe und Bettina von Arnim geraten offenbar in Streit und die Goethes brechen den Kontakt mit den von Arnims ab. Am 3. Oktober schreibt Charlotte Schiller darüber an die Erbprinzessin Karoline:

… die Flut des Klatschens ist ungeheuer. Die ganze Stadt ist in Aufruhr, und alles erdichtet oder hört Geschichten …

Dies ist eine gute Beschreibung eines umfangreichen Teils der Goethe-Literatur. Sie besteht ausschließlich aus der Fortsetzung des Klatsches mit anderen Mitteln; auch Ursula Naumanns Buch über Angelika Kauffmann und Goethe. Der geringste Teil des Buch beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen den beiden titelgebenden Personen; das wenige, was erzählt wird, wurde in zahlreichen anderen Biographien bzw. Romanen über Kauffmann schon einmal festgestellt oder zusammenspekuliert. Ansonsten wird seitenlang Goethes „Italienische Reise“ paraphrasiert oder aus ihr zitiert und – wie derzeit beliebt – überall dort, wo eine Interpretation ansetzen müsste, ein paar tiefsinnige Fragen gestellt. So gut wie nichts in diesem Buch ist in irgendeiner Weise erkenntnisvermittelnd. Weil’s so schön ist, ein Beispiel für Frau Naumanns Zugriffe:

War ihr Goethes Porträt mißraten, weil sie wieder einmal ihrer (fälschlich als Sehschwäche interpretierten) Neigung zur Schönmalerei nachgegeben hatte? Aber hätte sie das bei Goethe nötig gehabt? Wahrscheinlicher ist, daß er ihr Porträt so stark abwehrte, weil er sich bei aller äußeren Unähnlichkeit doch innerlich zu gut getroffen und entblößt fühlte. [S. 131]

Wer nun erwartet, es würde im Anschluss begründet, warum dies „wahrscheinlicher“ ist, sieht sich – wie überall sonst auch – getäuscht:

Weich, empfindsam, unentschieden, so wenig charaktervoll wie viele seiner gedichteten Figuren, Werther, Clavigo, Tasso, die alles andere als Tischbein-Goethes sind. Und zu jung für seine Jahre. Einer, der mit Ende dreißig seine Freundin Charlotte von Stein anschwärmte wie ein Minnesänger seine Dame; der eine Bildungsreise unternommen hatte, die andere mit zwanzig machten, und im Umgang mit seinen Künstlerfreunden in dieses Alter zurückfiel; der seine italienischen Tagebuchaufzeichnungen nach seiner Rückkehr nicht mehr lesen und weitergeben mochte, weil er sich für sie schämte. [S. 131 f.]

Auf die Spitze getrieben ist diese Sorte von sich überlegen fühlender Besserwisserei an Stellen wie dieser:

Höchst tadelnswürdig, nämlich nicht nur väterlich, waren dagegen Goethes Gefühle für Charlottes dreizehnjährigen Sohn Fritz, den er vor drei Jahren zu sich ins Haus genommen hatte. [S. 25]

Natürlich: Goethe als Päderast, der sich einen „Gespielen“ [S. 61] ins Haus holt, fehlte noch. Das ganze geht wohl auf eine missver- ständliche Stelle in Boyles Goethe-Biographie (Bd. I, S. 390 der deutschen Ausgabe) zurück und ist inzwischen weit genug herumgetratscht, um beim „Klatschpack“ (Goethe an Eichstädt, 29. Juli 1804) in Kurs zu stehen. Was für ein abgeschmacktes Verhältnis zu Goethe muss eine haben, um so etwas nachzuplappern?

Neben Goethes wird auch Herders Italienreise durchgehechelt, weil auch Herder Umgang mit Angelika hatte. Abschließend findet sich das Dutzend erhaltener Briefe Angelika Kauffmanns an Goethe – deren Gegenstücke verloren sind –, allerdings in geglätteter Fassung, da nach dem Geschmack von Frau Naumann „deren Orthographie im Original ziemlich abenteuerlich ist“ – wieder was, was sie besser weiß!

Alles in allem: Für die Voyeure wahrscheinlich enttäuschend, für alle anderen Zeitverschwendung.

Ursula Naumann: Geträumtes Glück. Angelica Kauffmann und Goethe. Frankfurt/M.: Insel, 2007. Pappband, 320 Seiten. 22,80 €.

seemann-bibliothek Annette Seemann liefert in dem hübschen Bändchen aus der Insel-Bücherei eine kurze Geschichte der Weimarer Bibliothek von ihren Anfängen als Fürsten-Bibliothek bis zur aktuellen Lage nach dem Umbau und dem verheerenden Brand vom 2. September 2004. Bibliothekarisch ist das Büchlein rundum gelungen und trotz des eher trockenen Themas für den Interessierten vergnüglich und leicht zu lesen. Allerdings muss man dabei über zahlreiche Druckfehler hinwegsehen.

Insbesondere zwei Epochen behandelt die Autorin mit großer Ausführlichkeit und Empathie: Die Zeit der Oberaufsicht Goethes über die Bibliothek und die Solidarität und tätige Hilfsbereitschaft, die der Bibliothek nach dem Brand entgegengebracht wurde.

Über Goethe als Nutzer und Pfleger der Bibliothek lesen wir:

In seinen Weimarer Jahren vor der Übernahme der Oberaufsicht über die Bibliothek (1775–1797) sei er keineswegs pünktlich mit der Rückgabe der Bücher gewesen, zum Teil behielt er Werke bis zu 20 Jahre lang, und – was sich ein heutiger Bibliotheksbenutzer keinesfalls gestatten dürfte – er nahm mitunter auch einzelne Bände der großen Bibliothekskataloge mit nach Hause, ebenso wie 1814 den Gispabguß [sic!] eines Kunstwerks, der erst nach seinem Tode an die Bibliothek zurückerstattet wurde.

Allerdings ging Goethe dann beispielhaft voran, indem er 1797 alle entliehenen Bücher (soweit er sie nicht weiterverliehen hatte!) zurückgab und gemeinsam mit Voigt eine erste Benutzungsordnung der Bibliothek erstellte, die Seemann dankenswerter Weise voll- ständig wiedergibt.

Witzig auch Seemanns Formulierungen betreffend den Buchbestand Carl Ludwig Fernows, den die Weimarer Bibliothek aus dessen Nachlass erwirbt:

Fernow hatte während der napoleonischen Unruhen in Rom nicht gezögert, Bücher aus Palästen und Bibliotheken, die gewaltsam geöffnet worden waren, günstig zu erwerben, darunter wahre Kostbarkeiten wie etwa die Kommentare zu Petrarcas Canzoniere von 1553 und 1541 oder auch Pietro Bembos Rime in Aldo Manuzios Ausgabe. Er hatte sich wortwörtlich jedes Buch vom Munde abgespart, die Samm- lung war sein Arbeitswerkzeug, aber auch seine Leidenschaft.

Zu Deutsch: Fernow hatte in Rom günstig bibliophile Hehlerware angekauft, seine kargen finanziellen Mittel dabei aber so verausgabt, dass er Hunger leiden musste. Nach Fernows Tod übernimmt der Herzog dessen Büchersammlung und versorgt im Gegenzug die Fernowschen Nachkommen. Goethe schreibt in dieser Sache am
4. August 1809 an Voigt:

Was auf Fernows Büchernachlaß sich bezieht, folgt gleichfalls unterzeichnet. Wir machen zwar eine gute Acquisition [sic! Seemann zitiert nicht zeichengenau!], aber wir bevortheilen Niemand. Wären diese Bücher zur Auction gekommen, so hätten wir daraus erstanden, was uns fehlte; jetzt haben wir immer noch mit den Doubletten einige Bemühung, die aber doch nicht ohne Frucht seyn wird. Für die Kinder ist gesorgt. Durchlaucht dem Herzog geziemt so zu handeln und der Curator wird mit den Creditoren wohl auch fertig werden.

Auch hier hilft vielleicht eine kleine Verdeutlichung: Zwar habe man durch die komplette Übernahme der Bibliothek nun einige Dubletten, die man bei einer Auktion hätte vermeiden können, aber da man diese ‚fruchtbringend‘ weiterveräußern könne, hat man sicherlich ein gutes Geschäft gemacht. Und da die Kinder versorgt sind, muss sich auch keiner ein Gewissen machen, ob man die gewaltige Sammlung um die 5.700 Taler, über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg zu zahlen, nicht vielleicht doch etwas zu wohlfeil erworben habe. Bibliomanen unter sich!

Auch die Zeit der Krise im Jahr 2004 und die Ereignisse in der Zeit danach sind kenntnisreich und mit Liebe zum Detail dargestellt.

Beinahe sympathisch ist es da, dass Frau Seemann nicht immer und überall ganz auf der Höhe ist. So stellt sie etwa bezüglich der auf die preußische Niederlage bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 in Weimar erfolgten Plünderungen sachlich fest:

Und auch Schiller scheint unter den Plünderungen nicht sehr gelitten zu haben.

Eine Feststellung, die – auch angesichts der Tatsache, dass Schiller bereits am 9. Mai 1805 verstorben war – kaum Widerspruch finden wird.

Alles in allem ein kleines, vergnügliches Büchlein, das an einem Abend über alles Wichtige zur Geschichte der Weimarer Fürsten- Bibliothek informiert.

Annette Seemann: Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Insel-Bücherei 1293. Frankfurt/M.: Insel, 2007. Bedruckter Pappband, Fadenheftung, 127 Seiten. 12,80 €.

Copyright © 2014 by: Fliegende Goethe-Blätter • Design by: BlogPimp / Appelt Mediendesign • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.