Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Solch ein Gewimmel …

Es wird Frühling und also Zeit für die schreibende Zunft, Ihre Unkenntnis des Goetheschen Fausts einmal mehr unter Beweis zu stellen. Da schreibt ein „sr“ im Hallensischen Super Sonntag:

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn“ hatte einst der große Goethe seinen Faust im Osterspaziergang sagen lassen.

Nicht ganz. Zwar kommt das Wort Gewimmel tatsächlich im Osterspaziergang vor:

Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Aber die zitierte Zeile stammt aus Faustens Todesszene im zweiten Teil der Tragödie:

Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn. –

Aber sonst stimmt’s.

Duell der Magier

In den deutschen Kinos läuft derzeit als Nachklapp der Harry-Potter-Hysterie ein Disney-Film, der auf Deutsch klugerweise Duell der Magier, im Original aber zugkräftig  The Sorcerer’s Apprentice heißt. Der englische Titel erinnert das US-amerikanische Publikum natürlich werbewirksam an Disneys Kurzfilm gleichen Titels, der Perle aus Disneys Fantasia, die Paul Dukas’ Musikstück mit Bildern illustriert, die sich sehr nah an der Fabel von Goethes Ballade Der Zauberlehrling orientieren.

Leider verführt der englische Titel im deutschen Sprachraum viele zu der Behauptung, die Handlung des Films basiere wenigstens in Teilen auf Goethes Gedicht. Tatsächlich hat der Film mit Goethes Gedicht denkbar wenig zu tun, sondern bezieht Figuren und Motivationen aus dem Sagenkreis um König Artus. Und selbst wenn man „Teile der Handlung“ auf Goethes Gedicht zurückführen möchte – wie das etwa auch die ehrwürdige Wikipedia tut –, so wäre es doch wohl nur angemessen, sich an den Hof-Lieferanten des Stoffes zu erinnern, denn der stammt bekanntlich aus Lukians Lügenfreund und Goethe hat ihn in der Wielandschen Übersetzung der Werke Lukians gefunden und zur Ballade verarbeitet. Wiederlesen macht Freude!

Deko ohne Inhalt

Auf eBay Österreich wurde angeboten:

Bislang wollte niemand die Flasche erwerben; sie steht derzeit also noch immer zum Verkauf, allerdings unter der harten Bedingung, dass der Verkäufer keine Rücknahme gestatten will.

Lose Seiten, alt wie die Dampflok

In den Stuttgarter Nachrichten dokumentiert Cedric Rehman seine kulturelle Ahnungslosigkeit:

Anscheinend ist es inzwischen vergessen worden, dass bereits 1985 einmal ein Feuilletonist geschasst wurde, weil er Goethe und die Eisenbahn in einen Gedankenzug gepackt hatte. 1835 jedenfalls haben weder Schiller noch Goethe noch irgendwelche „Meisterwerke“ geschrieben.

Interessant ist auch, dass der junge Autor meint, wenn Bücher erst noch zum Buchbinder getragen wurden, müsse es sich dabei offenbar um lose Seiten gehandelt haben. Na ja, vielleicht nimmt ihn einer der älteren Kollegen der Redaktion mal beiseite und erklärt ihm, wie die kleinen Bücher vor den Zeiten Emil Lumbecks gemacht wurden.

Geister im „Faust“

In der Frankenpost macht sich Leserbriefschreiber Dr. Wolfgang Tuchlinski aus Waldershof Sorgen um die nukleare Abrüstung und resümiert:

[…] denn: ,Die Geister, die ich rief, die werd’ ich nicht mehr los’ – wie Goethe im ,Faust’ schon schrieb.

Selbst, wenn man nicht weiß, wo Goethe das geschrieben haben soll, könnte die ungelenke Grammatik des Zitats den Verdacht in einem aufkommen lassen, dass hier etwas nicht stimmen kann. So holprig hat Goethe gemeinhin nicht gedichtet, und Knüttelverse sind das auch nicht.

Zum Glück hat Goethe natürlich geschrieben:

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

Und bekanntlich steht es in der Ballade „Der Zauberlehrling“. Aber sonst stimmt’s.

Wer kennt es nicht?

Beim MDR schreibt Andreas Keßler über Erlkönige der Autoindustrie und meint:

“Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Das ist der Vater mit seinem Kind…” Wer kennt es nicht, das klassische Gedicht von Goethe.

Nun, wenigstens Herr Keßler kennt es offenbar nicht (und er war auch zu faul nachzuschauen), denn sonst wüsste er, dass es heißt:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;

Die Seele, die liebt

Bild.de erklärt in einem Service-Special, was manisch-depressiv bedeutet:

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ heißt es in einem berühmten Goethe-Gedicht. Diese Worte werden oft verwendet, um einem Laien manische Depressionen zu erklären. Doch diese Beschreibung stimmt nur mit Einschränkungen.

Nun heißt es bei Goethe natürlich „zum Tode betrübt“, und es ist auch kein berühmtes Gedicht, in dem es so heißt, sondern ein kleines Liedchen, das Clärchen im „Egmont“ singt, aber wichtig ist auch eher, dass die Beschreibung „nur mit Einschränkungen“ stimmt. Was auch kein Wunder ist, wenn man sich den Text bei Goethe einmal genau anschaut:

Freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend
zum Tode betrübt,
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.

Bei Goethe fehlt nämlich das Komma zwischen “Himmelhoch jauchzend“ und “zum Tode betrübt”. Es ist also nicht gemeint, jemand fühle sich einmal so und ein andermal so, sondern die liebende Seele fühle beides zugleich. Was nun aus den unterschiedlichsten Gründen mit einer manischen Depression gar nichts zu tun hat.

Aber ein Goethe-Zitat als Auftakt – und mag es noch so falsch sein – macht sich bekanntlich immer gut.

Goethe in Wien

Der Standard berichtet heute über die älteste Buchhandlung in Wien:

Die Buchhandlung Kuppitsch in der Schottengasse 4 ist die älteste Buchhandlung in Wien: 1789, im Jahr der Französischen Revolution, von einer Frau, Theresia Racca, gegründet, feiert sie in der kommenden Woche ihren 220.

Aus diesem Anlass wurde ein Interview geführt, in dem die alteingesessene Eigentümerin unter anderem folgende Lokallegende erzählt:

Es wird sogar behauptet, dass Goethe hier einmal eingekauft haben soll. Er soll in seinen Tagebüchern darüber geschrieben haben, aber wir waren leider nie imstande, die betreffende Belegstelle zu finden.

Nun sind Goethes Tagebücher natürlich eine umfangreiche Lektüre, da wundert es den Leser nicht, dass bislang die Belegstelle verborgen geblieben ist. Leichter fällt allerdings die Feststellung, dass Goethe Zeit seines Lebens nicht in Wien gewesen ist und die Belegstelle deshalb wahrscheinlich für immer unauffindbar bleiben wird.

Die Goethes und Schillers von heute

Der Rapper Curse – „der für den feingeistigen HipHop der Republik steht“ – hat anlässlich einer vom WDR produzierten sogenannten Doku-Soap ein Interview gegeben:

teleschau: Sind Rapper heute das, was Dichter früher waren?

Curse: Es gibt vielleicht Parallelen. Rap ist ein weiteres Medium, um über Sprache Dinge auszudrücken und mit Sprache was Cooles zu machen. Die Form hat sich verändert und auch der Anspruch. Es gibt sehr viel sehr guten internationalen und nationalen Rap mit sehr guten Texten. Ich würde sagen: Gute MCs sind die Goethes und Schillers von heute.

O herrliche Zeit, die gleich über zahlreiche Goethes und Schillers verfügt, die zudem noch im Fernsehen von einem Rapper ausgebildet werden!

Bei Kein & Aber ist ein kleines Büchlein von Bernd Fritz erschienen, in dem der Autor verschiedene Anmach-Methoden aus der Weltliteratur einer Begutachtung unterzieht. Natürlich verfällt er dabei auch auf Goethe:

Faust I (1808)

FAUST UND GRETCHEN

  • Flirtausgangslage: eine Unbekannte auf der Straße ansprechen
    (Schwierigkeitsgrad 6)
  • Methoden: Beschützermasche; direktes Kompliment

Dichterfürst Goethe hat für seinen Faust selbstverständlich den schwierigsten, den Königsweg der Anmache gewählt:»Straße. Faust. Margarete vorübergehend.« Und uns mit dem Startspruch eine gelinde Enttäuschung bereitet: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?« Auch der halsstarrigste Goethe-Verehrer wird einräumen müssen, dass dieser Einfall nicht das ist, was man gemeinhin »das Gelbe« nennt. Sondern uns eher lehrt, wie es nicht geht. Die Abfuhr folgt denn auch auf dem Fuße: »Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.« Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass Herrn Goethe neben der heutzutage nur bedingt tauglichen Beschützermasche zwei weitere methodische Grundfehler anzukreiden sind, ein grober und ein schlimmer.

Der grobe Fehler: Obwohl Goethes Zeitgenosse Musäus im Märchen von der Königin Libussa bereits den Tipp publik gemacht hatte, dass es »ein missliches Unterfangen« sei, einer Frau »ohne vorgängige Unterredung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine mündliche Erklärung abzufordern«, wird hier die Frau von der Seite angequatscht.

Der schlimme Fehler geht aus der Bühnenanweisung hervor: sie macht sich los und ab. Er hat sie also auch noch gleich angefasst! Ihh! Da passt es denn ins plumpe Bild, Mephisto um Hilfe zu bitten und den Fehlschlag mit Stress zu entschuldigen: »Hätt ich nur sieben Stunden Ruh, brauchte den Teufel nicht dazu, so ein Geschöpfchen zu verführen.« Alter Angeber!

  • Bewertung: plump, zudringlich
  • Prädikat: nicht empfehlenswert
  • Erfolgsprognose: null

Leider fällt die Analyse etwas kontextlos aus: Erstens ist zu bezweifeln, dass Faust bei seiner ersten Begegnung mit Gretchen überhaupt einen Flirt-Versuch unternimmt. Faust steht bekanntlich unter dem Einfluss einer starken Liebesdroge, die er gerade in der Hexenküche verpasst bekommen hat und deren Wirkung Mephisto so beschreibt:

Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

Fausts Ziel ist also nicht die Leichtigkeit eines Flirts, sondern ihm steht der Sinn – wie auch der weitere Text belegt – nach einer direkten Triebabfuhr. Insoweit kann zwar der Fritzschen Einschätzung der Methode weitgehend zugestimmt werden, aber diese Plumpheit ist eine konsequente Entwicklung der vorangegangen Handlung und sollte daher vom guten Leser gerade nicht als Enttäuschung empfunden werden.

Auch ist Fritz’ Erfolgsprognose deutlich zu pessimistisch, denn immerhin erreicht Faust letztendlich sein Ziel mit allen Folgen (schwangeres Liebchen, tote Schwiegermutter in spe, toter Schwager in spe, Kindsmord, Verurteilung und Hinrichtung des Liebchens). In diesem Sinne lässt sich nur einmal mehr feststellen, dass in Liebessachen die Methode weitgehend überschätzt wird und der Erfolg weniger von ihr abhängt als vielmehr von ganz anderen, mehr hormonellen Bedingungen:

Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüßt’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiß recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen –
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen.

Allerdings kann bei aller Kritik Fritzens Urteil über Faust – »Alter Angeber!« – nur  aufrichtig zugestimmt werden.

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