Goethe im Profil

Fliegende Goethe-Blätter

Goethe in der modernen Welt

Die Seele, die liebt

Bild.de erklärt in einem Service-Special, was manisch-depressiv bedeutet:

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ heißt es in einem berühmten Goethe-Gedicht. Diese Worte werden oft verwendet, um einem Laien manische Depressionen zu erklären. Doch diese Beschreibung stimmt nur mit Einschränkungen.

Nun heißt es bei Goethe natürlich „zum Tode betrübt“, und es ist auch kein berühmtes Gedicht, in dem es so heißt, sondern ein kleines Liedchen, das Clärchen im „Egmont“ singt, aber wichtig ist auch eher, dass die Beschreibung „nur mit Einschränkungen“ stimmt. Was auch kein Wunder ist, wenn man sich den Text bei Goethe einmal genau anschaut:

Freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend
zum Tode betrübt,
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.

Bei Goethe fehlt nämlich das Komma zwischen “Himmelhoch jauchzend“ und “zum Tode betrübt”. Es ist also nicht gemeint, jemand fühle sich einmal so und ein andermal so, sondern die liebende Seele fühle beides zugleich. Was nun aus den unterschiedlichsten Gründen mit einer manischen Depression gar nichts zu tun hat.

Aber ein Goethe-Zitat als Auftakt – und mag es noch so falsch sein – macht sich bekanntlich immer gut.

Zeitgenössische Tiefe

Dies aber lässt uns das Hamburger Abendblatt wissen:

Dazu spielt der profilierte Jazz-Pianist Jens Thomas, der Goethes Lyrik mit modernster Musik unterlegt und ihr so eine zeitgenössische Tiefe verleiht.

Man schlägt die Hände über dem Kopf zusammen!

Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller

978-3-446-23326-3 Nein, Schiller ist 1805 nicht im „Kassettengewölbe“ beigesetzt worden, sondern im Kassengewölbe, benannt nach der Sterbekasse, die diese Gruft unterhielt. Was für ein sonderbarer Fehler bei einem Autor, der erst vor vier Jahren eine umfangreiche Biografie Schillers vorgelegt hat, in der er allerdings den Namen des Gewölbes noch nicht erwähnt hat.

Und was soll man von so etwas halten?

Durch seinen Lehrer Jakob Friedrich Abel, der sich mit einer mitreißenden Rede über das »Genie« in der Karlsschule eingeführt hatte, lernte Schiller Shakespeare kennen. »Das Genie«, erklärte Abel in seiner Rede vom 14. Dezember 1776, auf den Tag genau drei Jahre vor Goethes Besuch in der Karlsschule, »das Genie spielt mit kühnen, großen Gedanken wie Herkules mit Löwen. Was hat nicht Shakespeare gelitten? Da schreien und quaken sie zu seinen Füßen, aber noch steht er unerschüttert, sein Haupt in den Wolken des Himmels«. Mit diesem »Löwen« hatte Abel den jungen Schiller in den folgenden Jahren im Unterricht bekannt gemacht. 

Nein, Abel hat Schiller nicht mit dem „Löwen“, sondern mit dem „Herkules“ des Zitats bekannt gemacht. Ist es tatsächlich zu mühsam, das Zitat wenigstens gründlich zu lesen? Und liest denn im Verlag keiner so ein Buch gegen? Geht das so, wie es aus dem Computer des Autors kommt, in den Druck?

Das Buch ist eine Enttäuschung: Auf weiten Strecken bietet es nichts als eine uninspirierte Wiedergabe der wichtigsten Themen und Ereignisse, die Goethe und Schiller in ihrem Briefwechsel berührt haben. In einigen Teilen geht Safranski über eine rein populäre Darstellung hinaus, aber nirgendwo bietet er dem Kenner tatsächlich etwas Neues. Die Mehrheit der Gedanken zu Schiller finden sich bereits in der Biografie von 2005; überhaupt hat das Buch verständlicherweise ein Übergewicht bei der Darstellung der Schillerschen Seite der Freundschaft.

Ich habe mir einmal mehr vorgenommen, keine Bücher von Safranski mehr zu kaufen, da sie von Mal zu Mal seichter geraten und nachlässiger gearbeitet zu sein scheinen. Dieses kann einmal mehr höchstens Lesern empfohlen werden, die eine erste Einführung ins Thema suchen; allen anderen ist die Lektüre einer kommentierten Ausgabe des Briefwechsels zwischen Goethe und Schiller ans Herz zu legen.

Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München: Hanser, 2009. Pappband, 344 Seiten. 21,50 €.

Lauter Uhland-Gedichte von Goethe

Durch Zufall bin ich auf das Blog My Favorite German Poems gestoßen, das alle sieben Tage ein deutsches Gedicht entweder im Original oder in einer Übersetzung präsentiert, darunter auch zahlreiche Werke, die Goethe zugeschrieben werden.

Zu meiner Überraschung hat gemäß dieser Quelle Goethe auch „Die Kapelle“, „Schäfers Sonntagslied“, „Lob des Frühlings“, „Der gute Kamerad“ und noch einige andere Gedichte Uhlands geschrieben. Ja, sogar Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ stammt von ihm.

Goethes Hinrichtung

978-3-86789-058-8 Der Titel „Goethes Hinrichtung“ ist etwas reißerisch geraten, denn in keinem Sinne handelt Viktor Glass’ Roman von einer Hinrichtung, die Goethe zugehören würde. Erzählt wird im Gegenteil die  Geschichte der Anna Katharina Höhn, die 1783 wegen der Tötung ihres Neugeborenen in Weimar verurteilt und mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht wurde. Zuletzt hatte Sigrid Damm in ihrem Buch „Christiane und Goethe“ ein wenig Lamento um Goethes Verwicklung in diesen Fall gemacht, das in einer ebenso naiven wie pathetischen Einschätzung der Position Goethes gipfelte.

Davon wenigstens ist Viktor Glass weit entfernt. Er entwickelt die Geschichte der Schwangerschaft, Kindstötung, Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung Höhns parallel zur Biografie Goethes in diesen Monaten. Beide Ebenen sind alles in allem solide recherchiert, die Lücken angemessen aufgefüllt, wenn mir auch einige Details unverständlich geblieben sind, so etwa die Anwesenheit Lenzens in Weimar, der bekanntlich zu dieser Zeit längst in Moskau lebte. Aber solche Kleinigkeiten fallen sicherlich noch unter die Lizenz der dichterischen Freiheit. Ob etwa Glassens Version, der junge Herzog Carl August habe die Regierungsgeschäfte nur ungern übernommen, während Anna Amalia sie leichten Herzens hinter sich gelassen habe, auch noch unter diese Lizenz fällt, bliebe kritisch zu hinterfragen.

Problematischer ist aber sicherlich die Deutung der Rolle Goethes in der Sache Höhn, die Glass entwickelt: Bei ihm ist Goethe ein konsequenter Gegner der Todesstrafe und daher auch im Fall Höhn eigentlich für eine Begnadigung der Höhnin zu lebenslangem Zuchthaus. Diese Ehrenrettung geschieht sicher in der besten Absicht; auch behauptet Glass, Goethe habe diese Haltung ebenso in seinen Schriften vertreten, ohne allerdings auch nur ein konkretes Beispiel mehr anführen zu können als die Figur des Gretchens im „Faust“. Eine solche Idealisierung Goethes steht in einem offensichtlichen Gegensatz zu dem von Goethe im Fall Höhn abgegebenen Gutachten, das sich zwar zögerlich aber doch deutlich für die Beibehaltung der Todesstrafe im Falle von Kindstötungen ausspricht. Glass muss dieses Gutachten deshalb einerseits zu einer neutralen, unter großem zeitlichen Druck abgegebenen Stellungnahme verbiegen und andererseits seine Abfassung zu einem vorläufigen und hinhaltenden Urteil umdeuten, das Goethe in einer Sitzung des Geheimen Consiliums in Glassens Sinne mündlich zu widerrufen gedenkt. Leider findet nun gerade diese Sitzung nie statt, so dass Goethes Votum  in seiner in Glass’ Sinne „unglücklichen“ Formulierung stehen bleibt.

Solange sich der Leser darüber im Klaren ist, dass es sich in wesentlichen Teilen dieses Goethe-Bilds um freie Fantasien des Romanautors handelt, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben oder gegen die doch wenigstens mehr Indizien sprechen als für sie, kann die Lektüre dieses Goethe-Höhn-Romans durchaus gewinnbringend sein. Seine Illustration des Lebensalltags in einer Mühle des 18. Jahrhunderts ist ebenso überzeugend, wie die Beschreibung des Prozesses gegen Anna Katharina Höhn detailreich und informativ. Es ist allerdings eher zu befürchten, dass die meisten Leser das Ganze für die sprichwörtliche bare Münze nehmen.

Viktor Glass: Goethes Hinrichtung. Berlin: Rotbuch, 2009. Pappband, Lesebändchen, 223 Seiten. 19,90 €.

Goethe in Wien

Der Standard berichtet heute über die älteste Buchhandlung in Wien:

Die Buchhandlung Kuppitsch in der Schottengasse 4 ist die älteste Buchhandlung in Wien: 1789, im Jahr der Französischen Revolution, von einer Frau, Theresia Racca, gegründet, feiert sie in der kommenden Woche ihren 220.

Aus diesem Anlass wurde ein Interview geführt, in dem die alteingesessene Eigentümerin unter anderem folgende Lokallegende erzählt:

Es wird sogar behauptet, dass Goethe hier einmal eingekauft haben soll. Er soll in seinen Tagebüchern darüber geschrieben haben, aber wir waren leider nie imstande, die betreffende Belegstelle zu finden.

Nun sind Goethes Tagebücher natürlich eine umfangreiche Lektüre, da wundert es den Leser nicht, dass bislang die Belegstelle verborgen geblieben ist. Leichter fällt allerdings die Feststellung, dass Goethe Zeit seines Lebens nicht in Wien gewesen ist und die Belegstelle deshalb wahrscheinlich für immer unauffindbar bleiben wird.

Die Goethes und Schillers von heute

Der Rapper Curse – „der für den feingeistigen HipHop der Republik steht“ – hat anlässlich einer vom WDR produzierten sogenannten Doku-Soap ein Interview gegeben:

teleschau: Sind Rapper heute das, was Dichter früher waren?

Curse: Es gibt vielleicht Parallelen. Rap ist ein weiteres Medium, um über Sprache Dinge auszudrücken und mit Sprache was Cooles zu machen. Die Form hat sich verändert und auch der Anspruch. Es gibt sehr viel sehr guten internationalen und nationalen Rap mit sehr guten Texten. Ich würde sagen: Gute MCs sind die Goethes und Schillers von heute.

O herrliche Zeit, die gleich über zahlreiche Goethes und Schillers verfügt, die zudem noch im Fernsehen von einem Rapper ausgebildet werden!

Oberlehrerbegriffe

Sie wissen natürlich, wer unser höchster Klassiker ist, Goethe. Aber bemerken Sie, wie er sich bei der Kanonade von Valmy benahm, als er mit dem revolutionären Heer der Franzosen zusammentraf? Er stellte mit großer Klarheit fest: von hier datiert eine neue Epoche der Weltgeschichte, worauf er nachdenklich nach Weimar zurückging und weiterdichtete. Später schwärmte er Napoleon an, als den großen Mann, was völlig unseren Oberlehrerbegriffen entspricht.

Alfred Döblin: November1918.
Heimkehr der Fronttruppen

Goethe-Schiller-Briefwechsel gestartet

Die hier bereits angekündigte Wiedergabe des Goethe-Schiller-Briefwechsels in Echtzeit ist heute mit dem Vorwort der zweiten Ausgabe von 1856 und der Widmung an den König von Bayern gestartet worden. Ab morgen folgen die Briefe in dem Takt, wie sie zwischen den beiden Weimarer Klassikern zwischen 1794 und 1805 gewechselt wurden:

http://www.briefwechsel-schiller-goethe.de/

Bei Kein & Aber ist ein kleines Büchlein von Bernd Fritz erschienen, in dem der Autor verschiedene Anmach-Methoden aus der Weltliteratur einer Begutachtung unterzieht. Natürlich verfällt er dabei auch auf Goethe:

Faust I (1808)

FAUST UND GRETCHEN

  • Flirtausgangslage: eine Unbekannte auf der Straße ansprechen
    (Schwierigkeitsgrad 6)
  • Methoden: Beschützermasche; direktes Kompliment

Dichterfürst Goethe hat für seinen Faust selbstverständlich den schwierigsten, den Königsweg der Anmache gewählt:»Straße. Faust. Margarete vorübergehend.« Und uns mit dem Startspruch eine gelinde Enttäuschung bereitet: »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?« Auch der halsstarrigste Goethe-Verehrer wird einräumen müssen, dass dieser Einfall nicht das ist, was man gemeinhin »das Gelbe« nennt. Sondern uns eher lehrt, wie es nicht geht. Die Abfuhr folgt denn auch auf dem Fuße: »Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.« Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass Herrn Goethe neben der heutzutage nur bedingt tauglichen Beschützermasche zwei weitere methodische Grundfehler anzukreiden sind, ein grober und ein schlimmer.

Der grobe Fehler: Obwohl Goethes Zeitgenosse Musäus im Märchen von der Königin Libussa bereits den Tipp publik gemacht hatte, dass es »ein missliches Unterfangen« sei, einer Frau »ohne vorgängige Unterredung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine mündliche Erklärung abzufordern«, wird hier die Frau von der Seite angequatscht.

Der schlimme Fehler geht aus der Bühnenanweisung hervor: sie macht sich los und ab. Er hat sie also auch noch gleich angefasst! Ihh! Da passt es denn ins plumpe Bild, Mephisto um Hilfe zu bitten und den Fehlschlag mit Stress zu entschuldigen: »Hätt ich nur sieben Stunden Ruh, brauchte den Teufel nicht dazu, so ein Geschöpfchen zu verführen.« Alter Angeber!

  • Bewertung: plump, zudringlich
  • Prädikat: nicht empfehlenswert
  • Erfolgsprognose: null

Leider fällt die Analyse etwas kontextlos aus: Erstens ist zu bezweifeln, dass Faust bei seiner ersten Begegnung mit Gretchen überhaupt einen Flirt-Versuch unternimmt. Faust steht bekanntlich unter dem Einfluss einer starken Liebesdroge, die er gerade in der Hexenküche verpasst bekommen hat und deren Wirkung Mephisto so beschreibt:

Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe.

Fausts Ziel ist also nicht die Leichtigkeit eines Flirts, sondern ihm steht der Sinn – wie auch der weitere Text belegt – nach einer direkten Triebabfuhr. Insoweit kann zwar der Fritzschen Einschätzung der Methode weitgehend zugestimmt werden, aber diese Plumpheit ist eine konsequente Entwicklung der vorangegangen Handlung und sollte daher vom guten Leser gerade nicht als Enttäuschung empfunden werden.

Auch ist Fritz’ Erfolgsprognose deutlich zu pessimistisch, denn immerhin erreicht Faust letztendlich sein Ziel mit allen Folgen (schwangeres Liebchen, tote Schwiegermutter in spe, toter Schwager in spe, Kindsmord, Verurteilung und Hinrichtung des Liebchens). In diesem Sinne lässt sich nur einmal mehr feststellen, dass in Liebessachen die Methode weitgehend überschätzt wird und der Erfolg weniger von ihr abhängt als vielmehr von ganz anderen, mehr hormonellen Bedingungen:

Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüßt’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiß recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen -
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen.

Allerdings kann bei aller Kritik Fritzens Urteil über Faust – »Alter Angeber!« – nur  aufrichtig zugestimmt werden.

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